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[Zivilisationen in Anatolien] [Das Osmanische Reich]


AUF DEM WEG ZUM KAISERREICH      


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Osman Gazi hatte das 4800 km2 grosse “Beylik” (Fürstentum, Emirat), das er von seinem Vater Ertuğrul Gazi geerbt hatte, innerhalb 43 Jahren um mehr als das Dreifache, auf 16000 km2 erweitert. Orhan Gazi vergrösserte den Staat , den er von seinem Vater übernommen hatte um das Sechsfache, d.h. auf 95000 km2. Murad (I.) Hüdavendigar schliesslich erweiterte waehrend seiner Regierungszeit zwischen 1361 und 1389 sein Land wieder auf das Fünffache, d.h. auf etwa 500 000 km. Osmanen, die aus einem Stamm ein “Beylik” und daraus ein Staat schufen, waren auf dem Weg ein Kaiserreich zu werden.

In der Tat findet man in der unglaublichen und erstaunlichen Geschichte des Wachstums eines Stammes zu einem Weltreich zahllose, hochinteressante und lehrreiche Ereignisse. Nach dem französischen Historiker Grengour stellt die Entstehung dieses neuen Imperiums eins der grössten und erstaunlichsten Ereignisse der Weltgeschichte dar.

Hundert Jahre nach der Gründung des Staates war die politische Einheit in Anatolien voll-staendig etabliert. Yıldırım Bayezid kam bis an die Donau, nachdem er i.J.1396 das vereinigte Kreuzfahrer-Heer bei der Schlacht bei Nikopolis abermals besiegte. Damit gehörte Bulgarien gaenzlich dem Osmanischen Staat. Anschliessend kehrte Bayezid zurück und belagerte Byzans, das nur noch aus Konstantinopel bestand. Die Schlacht bei Ankara i.J. 1402 jedoch brachte alles durcheinander und machte die bisherigen Erfolge Bayezids zunichte. Tamerlan, der grosse Eroberer aus dem Osten zertrümmerte die politische Einheit der Osmanen völlig. Der Osmanische Staat gehörte jedoch nicht zu den Reichen der Geschichte, die bald nach ihrer Entstehung sich zu einem Weltreich ausbreiten, dann aber etwa nach dem Tod ihres Gründers oder aus irgendeinem belanglosen Grund genauso schnell wieder aus der Weltge- schichte verschwinden.

Wenn auch nach der Niederlage in Ankara die anatolische Einheit zerstört war, bestand die europaeische Seite des Staates in voller Kraft. So wurde Edirne die neue Hauptstadt. Die bewaehrte Politik des Staates, die sein Bestehen in europaeischen Laendern ermöglichte, wurde weiterentwickelt. Ein Teil der Bevölkerung wurde von Anatolien nach Europa über- gesiedelt, mit Nachbarstaaten wurden Bündnisse eingegangen und Abkommen getroffen, die man peinlich einhielt.

Wenn Osmanen eine Stadt erobert hatten, machten sie zunaechst aus der Burg oder Festung eine Garnison und ernannten einen Statthalter und einen Kadi (Richter). Sofort danach aber machten sie eine Volkszaehlung, wodurch sie genau feststellten, von welchen Leuten sie wieviel Steuern erhalten würden und wer gegen welche Leistung von Steuern befreit würde. Das Steuersystem funktionierte nach festen und klaren Regelungen. Es war üblich, dass man gleich mit dem Bauen der Brücken, Moscheen,Baeder, Armenküchen, Schulen und Brunnen begann, die das Leben dort erleichterten und die Stadt schmückten. Um das soziale Leben und die Wirtschaft voranzutreiben, legten sie Wert auf Einkaufszentren, Marktplaetze und Kara- wanserais. Sie achteten besonders darauf, dass in eingenommenen Gebieten Gerechtigkeit und Frieden herrschte. Die westlichen Historiker bezeichnen diesen osmanischen Frieden als “Pax Ottomana”. Die Türken selbst nannten es “nizam-ı alem”, wie es auch im Gesetzbuch Fatih’s steht und “Ordnung der Welt” bedeutet. Sie waren fest davon überzeugt, dass man für diese “Ordnung der Welt” gegebenenfalls alles und jeden opfern könnte.

Periode der Weltherrschaft (1451 – 1566)

Mehmet (II.), der im jungen Alter von 19 Jahren den Thron bestieg, strebte ein grosses Ziel, worauf er sich unbeirrt und entschlossen bewegte. Dieses Ziel war der seit Jahrhunderten nicht erfüllte Wunschtraum aller Muslimen, naemlich die Eroberung von Konstantinopel und dessen Erklaerung zur Hauptstadt des Staates.

Konstantinopel war von grösster strategischer Bedeutung. Asien und Europa konnten von nirgendwo sonst so einfach und effektiv kontrolliert werden. Bisher hatten nur diejenigen Staaten, die diese Stadt besassen, Mittelmeer und Schwarzes Meer zu ihren “Binnengewaesser” machen können. Es war also nicht möglich, ein Weltreich zu gründen ohne Konstantinopel zu besitzen. Auch der Prophet hatte bereits zu seinen Lebzeiten verkündet, dass diese Stadt eines Tages erobert werden würde. Mit den Worten “Was für ein glückseliger Feldherr, der diese Stadt erobert; was für glückselige Soldaten, seine Soldaten!” lobte er damals den künftigen Helden. Die Muslimen belagerten Konstantinopel i.J. 668, d.h. bereits 36 Jahre nach dem Tod Mohammeds (632). Die Belagerung dauerte bis zum Frühjahr 669, woran auch Halid ibni Zeyd (Ebu Eyyub el Ensari), der Fahnentreager aber auch ein Freund des Propheten, teilnahm und vor den Stadtmauern, zusammen mit einigen Feunden des Propheten fiel. Konstantinopel wurde bis zum Jahr 781 von Omaijaden und Abbasiden noch vier mal ohne Erfolg belagert. Dieses Ideal geriet dann zwar für lange Jahre in Vergessenheit, dennoch wurde die Stadt bis zu ihrer Eroberung durch den 21-jaehrigen Fatih Sultan Mehmet i.J.1453 von islamischen Armeen 18mal belagert. Sie blieben jedoch ohne Erfolg, da die Stadtmauern ausserordentlich stark waren und die Stadt sehr gut verteidigt wurde.

Konstantinopel war die Hauptstadt eines 1500 Jahre alten Reichs. Als im 4. Jahrhundert die Hauptstadt des Römischen Reichs hierher verlegt wurde, nannte man sie “Nova Roma” oder auch “Secunda Roma”. Kaiser Konstantin (I.) und seine Vorgaenger liessen sich beim Erbauen der Stadt von Rom inpirieren. Wenn die Osmanen ein Weltreich werden sollten, mussten sie unbedigt Konstantinopel erobern. Die Eroberung musste in einem Zuge erfolgen und so gründlich vorbereitet werden, dass das Riziko auf ein Minimum reduziert wurde.

Die geniale Methode Fatihs, seine 70 Kriegsschiffe waehrend einer Nacht vom Bosphorus über Land auf geölten Rutschbahnen ins Goldene Horn zu versetzen, schockierte die byzantinische Verteidigung. Der Sage nach hatten die stolzen Erbauer der Stadt die Wahr- sager gefragt, wie lange sie ihre Stadt vor Feinden bewahren können würden, worauf diese antworteten: “Bis Schiffe sich auf dem Lande bewegen!..” Diese Prophezeihung hatte sie sehr erfreut, da das wohl unmöglich war. Der Schreck der Byzantiner war deshalb besonders gross, als sie eines Morgens die ganze osmanische Armada vor ihren Stadtmauern verankert sahen und glaubten, dass nun alles verloren war.

Fatih entwickelte und verwendete die Belagerungswaffe Kanone so geschickt, dass Stadtmauern, Festungen, Burgen und Türme, die das Mittelalter symbolisierten, nunmehr ihre Bedeutung verloren und ein neues Zeitalter begann.

Waehrend der Regierungszeit Fatih’s benutzten die Osmanen offiziell die beiden Herrscher- titel “Han” (Khan) aus Mittelasien und “Sultan” aus der islamischen Welt gemeinsam. So hiess er Fatih Sultan Mehmet Han. Ein Betrachter von aussen sah jedoch einen wahren “Imperator” vor sich. Die Osmanen, d.h. die muslimischen Türken, führten nun das alte “Imperium” fort. In Europa praegte man sogar Münzen auf den Namen Fatih’s und betete
dafür, dass er den christlichen Glauben annehmen würde. Fatih’s Kaiserreich war eine Fortsetzung des polytheistischen Reichs von Augustus und des christlichen von Konstantin. Somit ging mit dem Zerfall des Osmanischen Reichs zu Beginn des 20. Jhh.s auch eine 2000 Jahre alte “Imperium-Tradition” zu Ende.

Wie alle anderen Imperien auch, war die Hauptstadt zugleich die Thron-Stadt. Die osmanische Geschichte ist somit auch die Geschichte Istanbuls. Die türkische Art und Weise, Sitten und Braeuche und Lebensauffassung machte Istanbul zu einem Zentrum der Kultur, des Handels und der Politik. Ausser den Türken, die den Staat gegründet, die Stadt erobert und die Gesetze der neuen Ordnung erlassen hatten, lebten in Istanbul sehr viele Griechen aber auch viele Iraner, Levantiner, Araber und Juden, die verschiedene Gemeinden bildeten. Die Aerzte des Hofes, die Bankiers des Wirtschaftsleben kamen aus diesen nichtmuslimischen Kreisen. Die Griechen waren z.B.Übersetzer, die Armenier Haendler oder auch Handwerker. Der Sultan war der Beschützer der Angehörigen aller Religionen, Sekten, Sprachen, der Christen, der Juden und der Muslimen.

Die im 6. Jhh. erbaute Hagia Sophia war die grösste christliche Kirche des Römischen Reichs, das eigentlich lange nach seinem Untergang den Namen “Byzanz” erhielt. Als Fatih den Prachtbau in eine Moschee verwandelte, wurde sie die Hauptmoschee. Wie üblich begannen die Osmanen sofort nach der Eroberung mit dem Bau ihrer eigenen monumentalen Moscheen, die man “selatin camileri” (etwa kaiserliche Moscheen) nannte. Dennoch stand Hagia Sophia stets an erster Stelle, wenn es um die Wichtigkeit der Moscheen ging. Manche Sultane wurden sogar in ihrem Garten begraben. Dass die Osmanen mit den Moscheen Süleymaniye, Selimiye und Sultanahmet (“Blaue Moschee”) Hg. Sophia nachahmten oder sie übertreffen wollten, ist eine übertriebene Behauptung. Die Baumeister Mimar Sinan und Sedefkar Mehmet Ağa waren geniale Architekten vom Weltruf. Es ist selbstverstaendlich, dass sie von Hg. Sophia inspiriert wurden. Andererseits ist es eine Tatsache, dass sie sie in Eleganz, in architektonischer Raffinesse und hinsichtlich der schlichten Pracht ihrer Werke übertroffen haben.

Die osmanischen Architekten mochten keine Dunkelheit, keine düsteren Raeume. Es sollte Licht in die Moscheen fluten. Sowohl die in Moscheen verwandelten Kirchen, als auch die neugebauten Moscheen erhielten möglichst grosse Fenster, jedoch immer so angeordnet, dass kein direktes Licht die Betenden störte. Anstatt Mosaiken verwendeten sie Kacheln, zumeist in Blautönen, da sie das Blau des Horizonts liebten. Die Innenwaende der “Blauen Moschee” sind mit insgesamt 21000 verschiedenen Tafeln aus Kacheln bedeckt. Die Kacheln waren so beliebt, dass es im 16. Jhh. in Iznik, im Zentrum der Keramik-Kunst, rd. 300 Werkstaette taetig waren. Die Kalligraphie war eine weitere, sehr verbreitete Art der Verzierung. Die Werke berühmter Meister der Kalligraphie wurden direkt an die Wand gezeichnet oder auf Kacheln oder Tafeln gezeichnet, die dann auf die Wand angebracht wurden.

Waehrend der Zeit Bayezid’s (II) war Kanone die wichtigste taktische Waffe der osmanischen Armeen. Davor wurde die Konone hauptsaechlich beim Verteidigen der Festungen oder bei Belagerungen verwendet. Auch das Gewaehr fand zur Zeit Bayezid’s zum ersten Mal bei der Infanterie Verwendung. Dadurch wurde man den mit Pfeilen und Schwerten kaempfenden Armeen weit überlegen.

Im Jahr 1492 wurden die Juden aus Spanien fortgejagt. Waehrend kein europaeisches Land die vertriebenen Juden aufnahm, rettete Bayezid (II) sie vor Massenvernichtung, indem er sie in sein Reich aufnahm. Sie lebten dann Jahrhunderte lang auf osmanischem Boden in Freiheit
und Frieden.

Yavuz Sultan Selim, der als Nachfolger Bayezid’s (II.) den Thron bestieg, musste zunaechst den iranischen Safawiden den Krieg erklaeren, da sie durch ihre schiitischen Orden die Turk- menen in Anatolien beeinflussten und diese staendig gegen den Staat revoltieren liessen. Bei der grossen Schlacht in der Çaldıran Ebene, nahe am Van See wurden die Safawiden von Yavuz besiegt, der sie bis Taebris verfolgte.

Durch seine Feldzüge gegen Aegypten zwischen 1514 und 1517 erweiterte Yavuz die Grenzen des Landes auf das Dreifache. Diese Ausbreitung des Landes war jedoch nicht nur politischer und geographischer Art. Nachdem Yavuz die Herrschaft der Mamelucken in Aegypten beendete, übergab ihm der derzeitige Abbasidische Kalif (Stellvertreter Mohammeds, etwa mit dem Papst zu vergeichen) saemtliche Insignien des Kalifats, so dass der osmanische Sultan nunmehr auch der religiöse Oberhaupt der islamischen Welt wurde. Dadurch wurde Istanbul, geistige Hauptstadt der orthodoxen Christen, nunmehr auch die geistige Hauptstadt der islamischen Welt.

Sobald Yavuz Aegypten eroberte, erklaerten die Laender wie Hedschas, Jemen und wenig spaeter auch Bengasi, Nubien und Algerien ihre Abhaengigkeit vom Osmanischen Reich. Für die Annexion dieser grossen Laender haben die Osmanen keinen einzigen Soldaten verloren. Die arabischen und islamischen Laender brauchten unbedingt einen solchen Schutz, um nicht von den starken europaeischen Staaten ausgenutzt zu werden. Spanien und Portugal wandten sich, nachdem sie die 800 jaehrige Herrschaft der Muslimen in Spanien beendet hatten, zu den arabischen Laender in Nordafrika und eroberten, angefangen mit Algerien, die meisten dieser Gebiete. Ausserdem waren sie dabei, Aden, Jemen, Oman, Katar, Bahrain, den Persischen Golf, Indien und Afrika zu besetzen. Abgesehen davon, dass diese Laender nicht imstande waren, der Invasion der genannten Staaten Widerstand zu leisten, gab es damals auch keine andere Macht als die Osmanen, die mit diesen fertig werden konnte. Gegen die spanischen und portugiesischen Angriffe mobilisierten die Osmanen sofort ihre Flotte und beseitigten die Gefahr der genannten Maechte für die muslimische Welt. Piri Reis z.B., befreite am 26 Februar 1548 Aden und i.J. 1552 Muskat und wenig spaeter die Inseln Kischm und Bahrain sowie die Halbinsel Katar von den Portugiesen.

Die Osmanen schützten die Araber Jahrhunderte lang vor jeglichen Gefahren und sorgten dafür, dass sie in Einigkeit und Gemeinsamkeit ihr Dasein, ihre Sprache, ihre Religion und ihre Kultur beibehalten konnten.

Nachdem die Osmanen ein Reich wurden, gewann ihre Kultur staendig neue Farben und Abwechselungen. Auf dem Rückweg von Taebris brachte Yavuz viele Gelehrten und Künstler mit nach Istanbul.

Das Türkische Jahrhundert

Die Regierungszeit Kanuni’s, den die Europaeer “den Praechtigen” nannten, war die glanz- volle Aera des Osmanischen Reichs. Es ist auch die Entstehungszeit der nationalen Monarchien und der modernen europaeischen Staaten. Die heutige politische Landkarte von Europa entstand etwa in jenen Jahren, in denen das Osmanische Reich das Ganze ziemlich mitbestimmte.

Spanien entwickelte sich im 16. Jhh. zu dem grössten Staat von Europa. Als die Spanier merkten, dass sie in den Mittelmeergebieten und in Nordafrika mit den Türken nicht fertig- würden, wandten sie sich auf das eigene Kontinent. Zunaechst besetzte der spanische König
Philipp (II.) Portugal und dessen Kolonien ein, das zu jener Zeit auch eine Grossmacht war, dessen Heer und König jedoch bei einer Schlacht in Nordmarokko von Türken vernichtet wurden. Spanien schien weitere Plaene zu schmieden, um ganz Europa, einschliesslich Frankreich, England und Holland, unter seine Macht zu nehmen. Es lief sogar das Gerücht um, dass Philipp(II.) demnaechst England zu seinem neuen Provinz erklaeren würde. Die Osmanen erhielten verzweifelte Hilferufe von verschiedenen europaeischen Staaten, die sich den Spaniern kaum widersetzen konnten. Die Osmanen waren dazu bereit und als erstes unterstützten sie die Portugiesen bei ihren Kaempfen gegen die Spanier um Wiedererlangung ihrer Freiheit, wobei sie auch Erfolg hatten. Ausserdem kaempfte die osmanische Flotte an mehreren Stellen im Mittelmeer mit der spanischen Armada und besiegte sie überall. Dadurch war Spanien weitgehend geschwaecht und die bedrohten europaeischen Laender erleichtert. Die Osmanen unterstützten die von Spanien gedrohten Staaten auch durch wirtschaftliche Hilfe und Privilegien beim Handel.

Mit seiner wirkungsvollen Hilfe rettete Kanuni Frankreich vor spanischer und deutscher
Besetzung. Der Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, Karl (V.) hatte sich mit Spaniern verbündet, Ungarn unter seine Kontrolle genommen und begann nun Frankreich zu bedrohen. Nach einem Krieg, wobei er die Franzosen besiegte, nahm er sogar deren König Franz (I.) gefangen. Dieser liess seine Mutter den osmanischen Sultan Kanuni um Hilfe bitten, der die Bitte annahm und zunaechst einen Feldzug gegen Ungarn unternahm und dann weiter in Richtung Wien zog. Kanuni siegte bei der Feldschlacht in Mohács i.J. 1526 und bewirkte die Befreiung des französischen Königs, den Karl (V.) gefangen hielt. Durch besondere Prioritaeten im Handel, (die spaeter als “Kapitulationen” bezeichnet wurden), verhalf er i.J.1535 Franzosen zur Überwindung ihrer grossen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Ebenso auf Bitte des französischen Königs entsandte Kanuni eine osmanische Flotte aus 154 Kriegsschiffen unter der Leitung des Grossadmirals Barbaros Hayreddin Paşa nach Frank- reich. Die Schiffe verliessen Istanbul am 28. Mai 1543 und liefen am 11. Juli Toulon an. Ein Teil der Flotte besuchte auch die Haefen von Marseille und Antibes und sorgte dort für die Sicherheit des Volkes. Die von Karl (V.) besetzte Nizza wurde befreit und den Franzosen übergeben.

Die Franzosen empfingen Barbaros und seine Flotte mit Freude und grossem Interesse. Sie erfüllten die Küste um die türkischen Marinesoldaten von der Naehe zu sehen. Sie malten Bilder, die die Schiffe und Soldaten zeigten und schrieben Gedichte über diese. Unter einem Gemaelde, das im Rathaus von Toulon hing und die osmanische Flotte darstellte, stand:“Was wir hier sehen sind Barbaros und seine Flotte, die uns allen zu Hilfe kamen.” Die Flotte verbrachte den Winter in Toulon, die eine kleine Hafenstadt mit 5000 Einwohner war. Die Anzahl der türkischen Marinesoldaten betrug dagegen 29 440, ohne die Ruderer. In jenem Jahr blieben die Franzosen in ihrer eigenen Stadt in Minoritaet, man hisste die osmanische Fahne und sang zu Gebetszeiten der Muslime. Die französische Bevölkerung war mit ihren türkischen Besuchern ganz zufrieden, zumal in jenem Jahr kein einziger Kriminalfall in Toulon verzeichnet wurde. Die Soldaten sorgten für absolute Ruhe und Frieden in der Stadt.

Obwohl die Schiffe die spanischen Küstenstaedte mehreremale unter Artilleriefeuer nahmen, wagten die Spanier es nicht, gegen die Riesenflotte zu kaempfen und Kaiser Karl (V.) erlebte die bittersten Tage seines lebens. Die osmanische Flotte kehrte nach 15 Monaten wieder nach Istanbul zurück.

Wahrend der Zeit Sultan Murat’s (III.) dagegen erhielt Englang beachtliche türkische Hilfe.

In einem Brief an den osmanischen Herrscher Murat (III.), den sie in Begleitung wertvoller Geschenke zu ihm schickte, beklagte sich Königin Elisabeth (I.) über die “heidnischen” katholischen Spanier und unterstrich die Tatsache, dass der protestantische Glaube, genau so wie der Islam, jegliches Anbeten der Abbildungen oder Statuen verbietete und bat den Sultan
um seine Unterstützung bei ihrem Kampf gegen Spanier. Durch die Hilfe der Osmanen scheiterten die Plaene der Spanier England zu besetzen, was ein Wendepunkt in der spanisch- en und englischen Geschichte darstellt.

Auch die protestantischen Hollaender erhielten die Unterstützung der Osmanen gegen die katholischen Spanier, die sie bedrohten. Die silbernen, halbmondförmigen Amulette, die manche Hollaender heute noch tragen, sind eine Erinnerung aus jener Zeit.

Der Einfluss der türkischen Herrschaft reichte im XVI. Jahrhundert bis Zentralafrika, Indien und Fernen Osten.

Auf den afrikanischen Gebieten, wo die heutigen Staaten Nigeria, Tschad, Kamerun und Niger gegründet sind, befand sich damals das islamische Königreich “Bornu”, dessen Melik (= König) Muhammed i.J. 1550 dem osmanischen Statthalter von Tripolis seine Abhaengig-keit darreichte. Sein Nachfolger Melik Idris Amsami Alaoma liess es i.J. 1557 durch seinen Gesandten an Kanuni Sultan Süleyman (Süleyman der Praechtige) in Istanbul wiederholen. DieseAbhaengigkeit dauerte mit einigen Unterbrechungen bis zum XIX. Jhh., zu der Zeit des Sultans Abdulaziz.

Erythraea, Somali und ein grosser Teil Aethiopiens wurden eingenommen. Ebenso ging die Küste von Kenia unter die osmanische Herrschaft. Der arabische Schirazi-Staat, dem die Küstengebiete von Tansania und Moçambique gehörten, erklaerte und wiederholte seine Abhaengigkeit den osmanischen Herrschern Yavuz, Kanuni und Murat (III.). Die afrikani- schen Laender, die ihre Zugehörigkeit zu dem Osmanischen Reich erklaerten, unterstanden nicht direkt dem Sultan in Istanbul, sondern über die fünf afrikanischen Provinzen des Reichs, naemlich Algerien, Tunesien, Tripolis, Aegypten und Massaua (Nubien / Sudan). Noch mehrere afrikanische Staaten, einige sogar südlich des Aequators, hatten sich im XVI. Jhh. unter die türkische Herrschaft gestellt.

Nach der Entdeckung des Seeweges um das Kap der Guten Hoffnung segelten die grossen Flotten Portugals in Richtung Indischer Ozean und Fern Osten. Im XVI. Jhh. begannen die Portugiesen in den Gebieten am Roten Meer, an dem Arabischen Halbinsel, am Persischen Golf Kolonien zu gründen. Dabei griffen sie die schwachen muslimischen Staaten in diesen Gebieten an und fügten diesen grosse Schaden zu. Solche Staaten in Indien und Indonesien, die mit den Portugiesen nicht fertig wurden, baten den türkischen Sultan, den maechtigsten Herrscher jener Zeit, der zugleich Kalif war, um Hilfe. Auf Befehl Kanuni's wurden darauf osmanische Kriegsschiffe mehreremale nach Indien und Indonesien entsandt. Sie verfolgten die portugiesische Flotte und bei Seeschlachten im Atlantischen Ozean, auf dem Weg zwischen Kap und Portugal, vor den marokkanischen Küsten aber auch im Indischen Ozean erlitten die Portugiesen grosse Verluste. Sie mussten den grössten Teil ihrer Gewinne durch Handel und Seeraeuberei für die Kaempfe gegen die Osmanen ausgeben.

Im XVI. Jhh. bestand Indonesien aus sehr vielen, kleinen Inselstaaten mit geringer Einwohner- zahl. Der wichtigste von diesen war das Sultanat Atsche, dessen Gesandten nach Istanbul kamen und den osmanischen Herrscher um Hilfe gegen die Portugiesen baten. Durch die i.J. 1538 gewaehrte Hilfe vertrieb der Atsche Sultan Alaüddin Schah die Portugiesen aus seinem Land und wurde zu dem maechtigsten Herrscher Südostasiens. Er hat jedoch Kanuni gebeten, ihn nicht als ein Herrscher sondern als sein Statthalter zu betrachten und beteuerte stets seine Verbundenheit zu ihm. Somit reichten die Grenzen des Osmanischen Reichs, wenn auch nicht im juristischen Sinn, in der Praxis bis zu Südostasien. 600 Der osmanische Marinesoldaten, die zwecks Hilfe dorthin geschickt wurden, blieben in Atsche. Sie erwiesen sich mit ihren Kennt- nissen und ihren professionellen Kampftechniken dem Sultan von Atsche als aeusserst nützlich.

Auch zur Zeit des Sultans Selim (II.) wurden im Rahmen der Hilfsaktionen weitere 22 Kriegs- schiffe nach Atsche entsandt. Hunderte von Türken gingen wieder in den Dienst des Atsche- Sultanats, heirateten dort und kehrten nicht wieder in ihr Land zurück. Viele von ihnen erhielt- en beachtliche Stellungen im Staatsdienst, einige wurden sogar zum Prinzen ernannt. Die Bevölkerung von Atsche bewahrten die türkischen Kanonen und die türkische Fahne, die Selim (II.) ihnen schickte, bis heute als Erinnerung.

Ebenso das Kathiawar-Sultanat in Indien bat die Osmanen um Hilfe gegen die Angriffe der Portugiesen. Zwischen den Jahren 1538 und 1553 fuhr die osmanische Flotte viermal nach Indien, um den dortigen Muslimen zu helfen und die portugiesische Herrschaft dort endgültig zu beenden. Die islamischen Staaten wurden in grossem Masse unterstützt. Seydi Ali Reis, der von Kanuni zum "Admiral des Indischen Ozeans" ernannt wurde, lieferte heftige Schlachten mit den Portugiesen als er Hilfsmaterial nach Indien lieferte.

Vom Ende des XV. bis zum XVIII. Jahrhundert war die türkische Flotte die grösste Seestreit- kraft der Welt. Die Osmanen verfügten über mehrere 3000 Tonnen-Schiffe, die 3300 Soldaten, einschliesslich Ruderer, aufnehmen konnten. Für die aus Holz gebauten Schiffe von damals war das eine enorme Tonnage. Das Reich hatte an die hundert Werfte und Stapel-Stellen an verschiedenen Küsten. Der grösste Werft war "Haliç Tersanesi" am Goldenen Horn in Istanbul. Auch europaeische Staaten bestellten Schiffe bei den osmanischen Werften. Der Staat war imstande im Notfall 200 Kriegsschiffe auf einmal zu bauen und auszurüsten, was für die anderen Staaten damals undenkbar war. Da es gesetzlich verboten war, einen Kriegsschiff laenger als 8 Jahre zu gebrauchen, wurde jedes Schiff der Marine in 7 - 8 Jahren erneuert.

Die europaeischen Staaten bauten eine gemeinsame Flotte aus 600 Kriegsschiffen auf, um die osmanische Herrschaft im Mittelmeer endgültig zu beenden. Der berühmte Admiral Andrea Doria wurde zu dem Führer dieser Flotte ernannt. Eine Armada von dieser Grösse war bis dahin einfach unvorstellbar. Die grosse Armada und die osmanische Flotte unter der Führung Barbaros Hayrettin Paschas, bestehend aus 122 Schiffen, trafen sich vor der Küste Prevesas (1538). Durch ein geniales Manöver besiegte die osmanische Flotte die riesige Armada inner-halb 5 Stunden. Nach dem Sieg bei Prevesa war die osmanische Flotte gewissermassen der Alleinherrscher im Mittelmeer, das zu einem Türkischen Binnenmeer wurde.

In Anbetracht der weiten Grenzen des Staates und dessen unerreichbare Macht, war es eigentlich nicht übertrieben, dass man dem Kanuni Sultan Süleyman Beinamen wie "der Praechtige" oder "Sultan der Laender, Khan der Meere" oder "Herr der Horizonte" gab.
Der Herrscher des Staates mit den Grenzen vom Atlantischen Ozean bis zum Arabischen Meer, von Ungarn, Krim und Kasan bis Aethiopien und mit einer uneingeschraenkten Macht praktisch auf der ganzen Welt, verdiente wohl diese Praedikate.

Fortschritte im kulturellen Bereich und in der Kunst

Im XVI. Jhh. herrschte in erster Linie auf den beiden Seiten von Istanbul, aber auch sonst im
ganzen Reich eine intensive Bautaetigkeit. Daneben erlebte die osmanische Literatur ihre Blütezeit.

Ibrahim Pascha, der Grosswesir von Kanuni, liess sich ein grosser Schloss an dem heutigen
Sultanahmet Platz bauen und stellte davor bronzene Statuen von Apoll, Diana und Herkules, die er auf seinem Rückweg von Mohács aus Ungarn mitgebracht hatte. Wenn auch der zeit-genössische Dichter Figani ihn mit den Worten "Zwei Ibrahims kamen auf die Welt; der eine vernichtete die Götzen, der andere stellte sie auf" spottete, so war das Ganze ein Zeichen der Vielseitigkeit der Osmanen.

Die Osmanen waren am Anfang nur ein kleines "Beylik" (Fürstentum, Emirat), aber auch zu ihren prunkvollsten Zeiten war ihre Pracht von einer edlen Schlichtheit. Auch in der osmanischen Architektur, die mit dem Baumeister Sinan ihren Höhepunkt erlebte, herrscht diese schlichte Art. Geübte Augen der Fachleute erkennen jedoch sofort das Geniale hinter diesem Einfalt.

Dem Gerücht nach war es der sehnlichster Wunsch Sinans die Hagia Sophia, die die Osmanen von Byzans erbten, architektonisch zu übertreffen. Er nannte die Süleymaniye Moschee, deren Kuppel nur wenig kleiner war als die der Hg. Sophia, sein Gesellenwerk. Bei diesem Bau kaempfte er gewissermassen mit der Gravitation und überwand sie optisch tatsaechlich. Obwohl man bei sogar viel kleineren Kuppeln als die der Süleymaniye das Gewicht und den Druck der Kuppel auf ihren Saeulen sofort spürt, scheint die Riesenkuppel von Süleymaniye von einer unsichtbaren Kraft hinaufgehoben zu werden.

Mit seinem Meisterwerk Selimiye Moschee in Edirne übertraf Sinan die Hg. Sophia tatsaechlich. Die Kuppel war nun grösser, was aber wichtiger ist, war das ganze Gebaeude von einer unerhörten Eleganz und architektonischer Genialitaet, die heute noch die Fachleute ins Staunen setzt. Die Feinheit und Proportionen der Minaretten sowie die Besonderheit der drei separaten Treppen in jeder von ihnen sind Details eines ganz besonderen Kunstwerks.

Obwohl die früheren Palaeste der Herrscher schlicht und einfach waren, traten sie in der Öffentlichkeit stets voller Prunk auf.

Eine der wichtigsten Stützen des Staates war zweifellos ihre Armee. Die “Mehter Takımı” genannte Janitscharenkapelle sorgte zu Kriegszeiten nicht nur für die moralische Unterstütz- ung der Soldaten, daneben jagte sie mit ihrer besonderen Musik dem Feind auch ziemliches Schrecken ein. Dabei waren die Gangart und Bewegungen der Kapellmitglieder von ver-blüffender Eleganz.

Obwohl die Osmanen im ersten Blick wie ein kriegerisches Volk erscheinen mochten, das hauptsaechlich von ihrer Armee lebte, kann man ihnen ihre Feinfühligkeit nicht abstreiten. Die Eleganz ihrer Bauwerke und die Feinheit ihrer Verzierungskunst sprechen dafür. Aus der einfachen und bescheidenen Blume Tulpe machten sie so ein Kult, dass eine ganze Epoche nach dieser Blume genannt wurde, was bei kriegerischen Völker eigentlich nicht üblich ist.

Ihre zwei- bis dreistöckigen Haeuser waren aus Holz gebaut und mindestens von zwei Seiten von Zierpflanzen umgeben. Man achtete das Recht des Nachbarn, so dass die Haeuser stets in geziemender Entfernung voneinander gebaut wurden. Auf dem Lande wurden die Haeuser vorzugsweise dort gebaut, wo es für die Landwirtschaft ungünstig war, um Ackerland zu sparen.

Auch in der urbanen Lebensweise machte sich die Liebe zum Grünen bemerkbar. Die feinsten steinernen Verzierungen oder Fresken waren stets stilisierte oder naturgetreue Abbildungen der Blumen oder sonstiger Pflanzen. Die Piknikplaetze in der Stadt, die Gaerten der Moscheen, der Derwischhaeuser oder der grössseren Privathaeuser am Bosphorus wurden mit erlesenem Geschmack gestaltet. Die monumentalen Bauwerke der Staedte waren stets die Moscheen und die “Külliye” genannten Kompexe (Höhere Schule, Bibliothek, Krankenhaus, Armenküche usw.) um sie.

Die Hauptstadt Istanbul war der Tor des Reichs für jegliche Neuheiten und fremden Einflüsse. Alles kam zunaechst nach Istanbul, wurde hier begutachtet und wenn fur gut befunden, von hier aus im ganzen Reich verbreitet.

Die Macht und Glorie des Osmanischen Reichs waehrend dessen Glanzzeit löste in Europa eine “osmanische Strömung” aus, die sich in der Architektur, Musik, Literatur, Bekleidung und Essgewohnheiten der führenden Schichten bemerkbar machte. Auch viele Intellektuelle, Künstler und sogar Staatsmaenner waren Anhaenger der neuen “osmanischen Mode”. Waehrend dieses “türkischen Jahrhunderts” gehörte es bei den wohlhabenden Kreisen zum guten Ton, in ihren Haeusern eine “osmanische Ecke” einzurichten.

Die türkische Bekleidungsweise beeinflusste ausser Balkanlaender auch viele Gebiete von Europa. Besonders im XVIII. Jhh. spürte man den türkischen Einfluss in der europaeischen Bekleidung ganz deutlich. In der Mitte des XVIII. Jhh.s war die modische Hausbekleidung des gut situierten, modernen, europaeischen Herrn ein orientalischer Kaftan, den man “Schamberluk” (chamber-look) nannte. Wohlhabende Hollaender setzten sich zu Hause oder in ihrer Freizeit sogar einen Fes auf. Auch die Damenbekleidung wurde von der neuen, “à la Turca” genannten Mode so weit beeinflusst, dass viele Damen noch im XIX. Jhh. in Schweningen mit türkischer Kopfbedeckung und Schals spazieren gingen.

Das Interesse der Europaeer für die türkische Musik, Textilien, Teppiche und Lebensart begann im XV. Jhh. und wuchs mit der Zeit. Die wichtigsten Medien jener Jahrhunderte waren die Opern-, Theater- und Ballettvorführungen. Durch Inszenierungen der Werke über die Türken lernten die Europaeer die türkische Lebensweise, deren Verhalten, Bekleidung usw naeher kennen.

Die berühmte “Entführung aus dem Serail” von Mozart, seine weitere Oper “Zaide”, die sich in Topkapı Serai abspielt, vier Opern von Rossini sowie das Ballettstück von Mozart mit Kanuni Sultan Süleyman als Hauptfigur, dessen Ort ebenfalls Topkapı Serai ist, sind nur einige Beispiele aus der grossen Auswahl solcher Werke.

Der aeusserst feierliche Einzug des neuernannten osmanischen Gesandten in eine europae- ische Hauptstadt oder in das Königsschloss in praechtigen Geweander und in Begleitung der Janitscharenmusik war eine weitere Möglichkeit den osmanischen Prunk zu erleben. Diese feierlichen Prozessionen beeindruckten das einfache Volk ungemein.

Die Osmanen, die sich nicht weniger vorgenommen hatten als “Weltherrschaft” und “Schaffung einer neuen Weltordnung”, hatten tatsaechlich ein fundiertes Rechtssystem, das für die damalige Zeit überaus fortschrittlich war. Die Überlegenheit des Gesetzes und der Ordnung war für die Osmanen genau so heilig wie der Staat. Die Befolgung der Gesetze und Einhaltung der Rechtsordnung war vor Allem die erste Aufgabe des Sultans. Keiner, auch nicht der Herrscher, durfte nicht im Geringsten gegen die Gesetze handeln. Diese Auffassung führte zur Gründung einer stabilen Staatsorganisation. Die das Fortbestehen des Staates auch zu Zeiten der durchschnittlichen oder gar schwachen Herrscher ermöglichte.

Die Osmanen sahen ihre Zukunft bei einem gerechten Herrscher und einem starken Heer. Die Vorbedingung eines starken Heeres war ein gerechtes Steuersystem, was wiederum nur bei einer gerechten Behandlung der Bevölkerung funktionieren konnte. Das nannte man “Kreislauf der Gerechtigkeit”. Letzten Endes hing die Zukunft des Reichs von der Produktion der Bauern ab, die ihrer Produktionsmengen etsprechend besteuert wurden (sog. “timar”-System). Diese Steuern stellten die Haupteinnahmequelle des Staates dar, wovon auch das Heer bezahlt und ausgerüstet wurde. Die Osmanen beharrten bei diesem System ihrer sozialen, wirtschaftlichen und politischen Organisation, obwohl die Bedingungen und Auffassungen sich mit der Zeit aenderten. Politische Fehlentscheidungen, zu lange Kriege oder schwere Folgen der Seuchen oder Dürre führten manchmal zu lokalen Aufstaenden. Aber trotz allem verschaffte das ange- nommene autarke Wirtschaftssystem der Bevölkerung einen gewissen Wohlstand.

Das gerechte und gut funktionierende Besteuerungs-System “timar” ermöglichte Frieden und Harmonie unter der Landbevölkerung. In den Staedten wurde das durch die Taetigkeit der “Ahilik” genannten Gemeinschaften der Handwerker und Gewerbetreibenden (Innungen, Zünfte) erreicht. Sie verwalteten und kontrollierten sich selbst, ohne jegliches Zutun des Staat- es und liessen nicht die kleinste gesetzes- oder sittenwidrige Handlung unter ihren Mitglieder zu.

Die auch “lonca” genannten Innungen, Zünfte oder Gilden stellten die Übeltaeter sofort fest und bestraften sie durch Ausschluss aus der Körperschaft. Gesetzeswidrige Faelle waren überhaupt recht selten, so dass der französische Gesandter D. Chesneau seine Bewunderung über die Ruhe und Sicherheit in Istanbul wie folgt aussprach: “In den osmanischen Staedten herrschte absolute Ordnung und Sicherheit. Der Rundgang eines Nachwaechters mit einem Stock in der Hand und einer Laterne reichte aus, um Sicherheit in einem Bezirk zu schaffen. In Paris war dasselbe mit einer ganzen Truppe samt Führer nur schwer möglich.” Thevanot machte die Beobachtung, dass “in ganz Istanbul mit einer Million Einwohner inerhalb von vier Jahren keine vier Mordfaelle verzeichnet und riesige Karawanseraien, voll mit Handelsgütern von einem einzigen Mann überwacht wurden.”

Der Staat sah es als seine wichtigste Aufgabe, für Gerechtigkeit zu sorgen und die Überlegen- heit des Gesetzes und der Ordnung überall auf der Welt zu verbreiten. Der Staat hat niemals eine Politik der “Türkisierung” oder “Islamisierung” verfolgt. Es waere auch von einem Staat mit Weltherrschafts-Ideal nicht zu erwarten, sich mit engstirnigen Nationalismus zu begrenzen. Die Osmanen konnten ihre Macht nur dadurch Jahrhunderte lang aufrecht erhalten, da sie sich stets an universellen Menschheitsprinzipien hielten.

Ein grosser Teil der Kadis (Richter), Muftis (Rechtsgelehrter) und Hochschullehrer stammten aus den christlichen Familien aus Balkan oder anderen Laender. Sie wurden im Rahmen der Knabenaushebung aus ihren Familien genommen und ihren Faehigkeiten entsprechend ausge- bildet und wurden meistens “Bey”s oder “Pascha”s oder “Ağa”s, die es mit etwas mehr Talent oder auch Glück sogar bis zum Grosswesir oder zum “Şeyhülislam” (Oberster Richter, rang-maessig gleich nach dem Grosswesir) bringen konnten. Es gab keinerlei vorbestimmte, sub- jektive Begrenzungen in ihren Laufbahnen.

Die schnelle Ausbreitung der Osmanen führte zu einem mehsprachigen Reich mit vielen Kulturen und Religionen, mit Völker verschiedensten Ursprüngen. Menschen verschiedener Hautfarbe, Rasse, Religion, Sprache und Kultur waren Selbstverstaendlichkeiten in der osmanischen Welt. Eigentlich wurde man nicht als Osmane geboren, sondern man wurde mit der Zeit zu Osmane. Die Leute mochten Tatyos oder Andon heissen, Armenier oder Griechen, Christen oder Juden sein oder auch anderen Religionen angehören, auf jeden Fall waren sie Osmanen und fühlten sich auch so. Ihre gemeinsame Kultur, Kunstwerke und Musik bezeugen diese Tatsache auf raffinierte Weise.

Die religiöse Politik des Staates war die der islamischen Konfession der “Hanefi”s, da die Mehrheit der islamischen Bevölkerung dieser islamischen Richtung angehörten. Das spielte aber keine Rolle bei der Entwicklung oder Ausbreitung anderer islamischen Konfessionen.

So führten die Mewlewi’s z.B. ohne Weiteres die Musik und den Tanz in Islam ein und bewirkten dadurch eine Bereicherung der Religion durch die Osmanen.

Die “madrabaz” genannten Skalvenhaendler brachten Schwarze aus Sudan oder Aethiopien nach Aegypten, wo der dortige Statthalter sie engegennahm und als Haremswaechter nach Istanbul schickte. Auch diese waren Osmanen. Wenn sie sich auch manchmal in Intrigen ein- mischten, sorgten sie stets für die Ordnung im Harem. Auch die Leitung z.T. sehr grosser Stiftungen wurde ihnen überlassen. Als manche von ihnen als reiche Leute in ihre Laender zurükkehrten, liessen sie dort Bauwerke errichten, die den Geschmack Istanbul’s bezeugten. Somit trugen diese Maenner auch zur Kulturübertragung bei.