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[Zivilisationen in Anatolien] [Das Osmanische Reich]


GRÜNDUNG DES OSMANISCHEN STAATES      


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Hinter den aussergewöhnlichen Erfolgen der Osmanen stecken einige wichtige Gründe. Sie wurden in einem strategisch günstigen Gebiet in Nordwestanatolien, an der byzantinischen Grenze und unweit der beiden Meeresengen angesiedelt. Es war relativ einfach, sich von hier aus zu expandieren. Besonders ihre anfaenglichen Herrscher waren durchweg zum Führen geborene Maenner mit wertvollsten Charaktereigenschaften, was nicht jeder Dynastie zuteil wurde. Sie setzten sich die höchsten Ziele und verfolgten diese mit enormer Energie und Ausdauer. Auch die Tatsache, dass sie dem angesehensten und edelsten aller Oghus-Staemme angehörten, dürfte ihnen den Weg zur Weltmacht geebnet haben. Nach der Niederlage vor den Mongolen bei der Feldschlacht in Kösedağ i.J.1243 begann das Seldschuckische Reich in Anatolien endgültig zu zerfallen. Anstelle der früheren Staatsmacht, die ganz Anatolien vereinte, herrschte nun Kaos und Zukunftsangst. Sehnsüchtig erzaehlte man von den “alten Zeiten”. Das Volk in Anatolien suchte seine Führer, die die fehlende Autoritaet wiederher- stellen und die seit rd.1500 Jahren waehrende Geschichte der türkischen Völker fortführen sollten. Wenn auch der leere Thron den meisten Stammesfürsten überaus attraktiv erschien, traten sie in Anbetracht der grossen Probleme, der hohen Ziele und vielen Erwartungen wieder zurück.

Die Osmanen gründeten ihren Staat etwa in dieser Atmosphaere und unter solchen Bedingungen. Sie kamen mit ihren Pferden, Zelten, Teppiche und Kelims an die byzantinische Grenze und blieben ihrer Lebensweise verbunden. Sie konnten sich schnell organisieren und sehr gut kaempfen. Ihre geübten Pferde und ihre Geschicklichkeit beim Reiten erhöhten ihre Beweglichkeit. Bequemlichkeit und Luxus waren ihnen fremd. Auf ihrem Weg zu ihren Winter- und Sommerquartieren in der Gegend zwischen den heutigen Staedten Eskişehir und Bursa aber auch danach erlebten sie viel Abenteuerliches, obgleich sie in ihrem Wesen keine Abenteurer waren. Sie hatten aber hohe Ziele und feste Wünsche und es lag in ihrem Wesen, sich selbstlos und unbeirrt für diese einzusetzen bis sie sie erreicht bzw. erfüllt hatten.

Der Kayı Stamm, dem die Osmanen angehörten, bestand ursprünglich aus Nomaden, die in Zelten lebten und die erst spaeter sesshaft wurden. Das Zeltleben war so sehr in ihrer Seele verwurzelt, dass manche Kunsthistoriker meinen, ihre praechtigen Kuppelbauten in den folgenden Jahrhunderten waeren von Zelten inspiriert.

Sie entwickelten sich zu einem der baufreudigsten Völker der Erde. Wohin sie auch kamen, welches Land sie auch eroberten, begannen sie dort sofort grosse, gemeinnützige Gebaeude wie Brücken, Brunnen, Schulen, Moscheen, Krankenhaeuser, Baeder und Karawanserais zu bauen, so dass dort bald neue Staedte entstanden oder die alten erneuert und vergrössert wurden. Trotz ihrer Macht und Reichtum lebten sie einfach und bescheiden. Auch in ihren spaeteren Palaesten traf man diese interessante Mischung aus Macht und Bescheidenheit.
Das Topkapı Serai z.B., von wo aus sie einige Jahrhunderte lang ein Weltreich regierten, war nicht viel luxuriöser als ein “steinernes Heerlager”. Sie nannten sowohl die Nachtquartiere für die Reisenden, als auch ihre eigene Haeuser “konak”, was wörtlich “zeitweiliger Unterkunft” oder auch “Raststaette” bedeutet. Damit unterstrichen sie, dass alles auf der Welt vergaenglich ist und auch der Mensch nur zeitweilig auf der Welt existiert. Dennoch legten sie durchaus viel Wert auf Kunst und Aesthetik und schmückten vor allem ihre religiösen und öffentlichen Bauten mit feinsten Ornamenten, kalligraphischen Meisterwerken oder auch mit schönsten Kacheln.

Als Ertuğrul Gazi mit der frischen Kraft seines Stammes in dieses Gebiet kam, fand er hier andere Turkmenen-Staemme vor, die vor laengerer Zeit das Nomadenleben aufgaben und hier sesshaft wurden. Sie versuchten die Grenzen des ihres Landes gegen Byzantiner zu schützen, hatten jedoch viel von ihrer Energie und Aktionsbereitschaft verloren. Das schmerzliches Ge- fühl, das eigene Heimat verlassen zu haben und die starke Sehnsucht nach einer neuen, verstaerkt durch ihr angeborenes Talent zur Staatsführung und Organisation, beflügelte die Tatkraft und Kampflust der Maenner des Kayı Stammes und verlieh ihren Absichten eine gewisse Heiligkeit. Ihre Wille und ihr Enthusiasmus beeinflusste bald auch die anderen Turkmenen in der Gegend. Diese noma- dischen Türken kannten zwar keine Wissenschaft, sie waren jedoch weise Menschen mit starkem Einfühlungsvermögen. Sie merkten bald, dass der neue Stamm zukunftstreachtig war.

Ertuğrul Gazi hatte drei Söhne mit den Namen Osman, Gündüz und Savcı. Osman, der i.J. 1258 geboren wurde, heiratete Mal Hatun, die Tochter des Scheichs Edebali, des geistigen Gründers des Osmanischen Reichs.

Als Ertuğrul Gazi i.J. 1281 etwa 90-jaehrig starb, hinterliess er seinem Sohn Osman ein bescheidenes Land von 4800 km2 in der Gegend um Karacadağ, Söğüt und Domaniç. Man vermutet, dass 1000, max. Jedoch 2000 km2 davon ein Geschenk des seldschukischen Sultans Alaeddin Keykubat an den Kayı Stamm war. Den Rest muss Ertuğrul Gazi von Byzans eingenommen haben. "Osmanlı Beyliği" (etwa Osmanisches Fürstentum oder Emirat), der Kern des Osmanischen Reichs wurde auf so kleinem Boden von so wenigen Leuten gegründet. Die Osmanen erweiterten ihre "Heimat" in dreieinhalb Jahrhunderten um das 20.000-fache. Die Geschichte kennt wohl kaum eine andere Dynastie mit einer solchen Erfolgsgeschichte.

Nach dem Tod seines Vaters Ertuğrul Gazi setzte Osman Gazi seine Feldzüge gegen Byzans fort. Die weiteren Oghus Beys (Fürsten der Oghus-Staemme) waehlten ihn einstimmig zu ihrem Oberhaupt. Osman Bey vereinte in kurzer Zeit weitere türkische Staemme in der Umgebung unter einer Flagge.

Dieser neu gegründete Staat wurde nicht nach Ertuğrul Bey, sondern nach seiem Sohn genant. Ertuğrul's Sohn Osman Gazi blieb für die Osmanen stets der etwas mystische, legendaere Held.

Waehrend die restlichen "Beys" in Anatolien sich gegenseitig keine Ruhe liessen, begann Osman Bey gegen Byzans zu kaempfen. Im Jahr 1288 hatte der seldschukische Sultan ihm die Insignien der Staatshoheit zugesandt, wodurch er u.a. auch zum Schützen seines Hoheits- gebietes und seines Volkes dort vor Byzans und vor anderen feindlich gesinnten “Beyliks” verpflichtet wurde. Er tat sich mit den Stammesfürsten Samsa Çavuş, Konuralp, Akçakoca, Aykut Alp und Abdurrahman Gazi sowie mit Turkmenen und Derwisch Gazi’s zusammen und besetzte in kurzer Zeit die Gegenden İnönü, Eskişehir, Karacahisar, Yarhisar, İnegöl und Bilecik.

Etwa zu der gleichen Zeit als Bilecik erobert und von Osman Bey zur Hauptstadt seines “Beylik”s erklaert wurde, erlitt Sultan Alaeddin Keykubat III. des türkischen Seldschucken- Staates eine grosse Niederlage vor den “İlhanlılar” und wurde nach Iran deportiert, wodurch die ohnehin geschwaechten Seldschuken nun ohne jegliche Führung blieben. Osman Gazi, der jetzt völlig frei war, erklaerte i.J. 1299 die Gründung des unabhaengigen Osmanischen Staates.

Osman Bey’s Streitkraefte nutzten die kaotische Situation in dem Gebiet und die aehnliche Lage in Byzans aus und machten Raubzüge bis vor Bursa. Nach Einnahme der Festungen Lefke, Mekece, Akhisar, Geyve und Leblebici stellte Osman Gazi die militaerischen Aktionen unter die Leitung seines Sohnes Orhan Gazi (1320). Er selbst beschaeftigte sich nunmehr bis zu seinem Tod mit organisatorischen Fragen.

Als Osman Bey i.J. 1326 starb, war die Stadt Bursa noch nicht unter osmanischer Herrschaft. Im Sterbebett verordnete er, ihn in Bursa beizusetzen, und diese Stadt zur Hauptstadt des Osmaniscehn Staates zu erklaeren. Damit riet er seinen Nachfahren, sich als Zielrichtung stets den Westen zu setzen. Unmittelbar nach der Eroberung wurde Bursa die neue osmanische Hauptstadt die man mit neuen Gebaeuden schmückte.

Als die Seldschuken aus der Weltbühne verschwanden, sah Anatolien wie ein Trümmerfeld aus. Die Auswirkungen der mongolischen Invasion waren noch überall zu spüren. Andererseits hatten die Seldschuken auch wertvolle Schaetze hinterlassen. Diese waren die gemeinsame Sprache, Religion und Schrift des Volkes, die die Seldschuken vereinheitlicht hatten.. Der starke gemeinsame Glaube an den heiligen Krieg, der dem Volk ungemeine moralische Kraefte verlieh, war auch ein Teil dieser geistigen Erbe. Die Osmanen hatten die Erbe der Seldschuken restlos übernommen. Die Staemme in Anatolien, nunmehr vereint in Sprache, Schrift und Religion, kamen in Scharen zu dem Osmanischen Staat. Die frische Tatkraft und der unglaublich starke Wille dieses hervorragend organisierten Staates sich auszubreiten und zu staerken, übte eine geradezu magische Anziehung auf den meisten Maenner aus der zertrümmerten, niederge- schlagenen Anatolien. Sie waren bereit in diesen Kriegen zu sterben und ihr grösstes Ziel war selbstver-staendlich Byzans. Der starke Einfluss einiger Gelehrten und prominenten Ordensmitglieder wie Scheich Edebali, Davud-ı Kayseri und Dursun Fakih, die die Ausbreitung des Islams im Sinn hatten und die Osmanen beim Kampf gegen Byzans unterstützten, gab dem Ganzen zusaetzlichen Aufschwung.

Vielleicht die wichtigste Eigenschaft der Osmanen war die Tatsache, dass sie für Ordnung, Sicherheit und Ruhe der Bevölkerung in den besetzten Gebieten sorgten. Gerechte und seriöse Staatsführung und grosse religiöse Toleranz brachte Stabilitaet im Alltag und damit Wohlstand mit sich. Die unter der degenerierten und korrupten byzantinischen Herrschaft leidende Völker in den von Osmanen besetzten Gebieten waren deshalb zufrieden mit ihrem neuen Leben, trotz der fremden Religion der neuen Herrscher.

In einer sich freiwillig ergebenden Stadt verwandelte man lediglich die grösste Kirche in eine Moschee und achtete darauf, dass die christliche Bevölkerung sonst auf keine Weise behelligt wurde. Im Falle der Belaestigung der christlichen Bevölkerung beim Durchgang durch eine Ortschaft waehrend eines Feldzugs wurde der Taeter schlicht hingerichtet. Waehrend der Friedenszeiten sorgten die türkischen Gerichte peinlich dafür, dass jeder zu seinem Recht kam. Es herrschte keinerlei religiöser Druck. Abgesehen davon, dass der Islam jeglichen religiösen Druck verbot, kannten auch die über tausend Jahre alten, vor-islamischen Sitten der Türken keinen religiösen Zwang. Religiöse Toleranz war bei den vor-islamischen Türken selbstver- staendlich. In der Wahl seines Glaubens und in seiner Lebensweise danach war jeder frei.

Als Orhen Gazi erfuhr, dass sein Vater im Sterben lag, eilte er sich mit seinen Offizieren zu ihm. Von seinem Sterbelager aus erteilte Osman Gazi seinem Sohn gewisse Ratschlaege. Diese Rat- schlaege Osman Gazi’s wurden von saemtlichen folgenden osmanischen Sultanen wie ein
Grundgesetz befolgt und, soweit sie es konnten, praktiziert. Zusammengefasst lauteten sie wie folgt:

“Handle ja nicht gegen die Befehle des Allmaechtigen! Was du nicht weisst, sollst du die Gelehrten fragen und verstehen! Du sollst nichts anfangen, bevor du alles darüber weisst!
Du sollst die, die dir gehorchen, gut behandeln! Du sollst deinen Soldaten deine Huld erweisen und sie beschenken. Siehe, der Mensch ist der Sklave des Geschenks! Sei barmherzig und gerecht! Sei nicht grausam! Erfreue die Welt mit deiner Gerechtigkeit und beglücke mich, indem du stets für Gott schaffst! Wo du auch einen Gelehrten triffst, zeige ihm deine Interesse, deine Gunst und sei ihm zuvorkommend! Sei nicht stolz auf deine Soldaten und auf dein Vermögen, so dass du dich von den Weisen und Gelehrten entfernst! Unser Ziel ist kein blosser Streit und keine Weltherrschaft, unser Ziel ist den Glauben Gottes zu rühmen. Beschenke dein Volk so oft du kannst! Beschütze deine Untertanen auf gerechte Art! Unser Beruf ist der Weg Gottes und unser Ziel ist es, seinen Glauben zu verbreiten. Das geziemt sich für dich. Nur so kannst du auf die Gnade Gottes hoffen!”

Osman Gazi war eine gerechte, weitherzige und grosszügige Persönlichkeit von grossem Weit- blick. Er hinterliess kein Gold und Silber. Sogar die Gegenstaende in seinem Haus waren nicht von besonderem Wert. Seine Bekleidung war stets einfach wie die, der anderen Gazi’s. Ausser seinen Pferden, Waffen, Paar Pflug-Tieren und Schafsherden hatte er nichts Wertvolles hinter- lassen und zwar in Mengen, die jede durchschnittliche Haushalt haben konnte. Osman Gazi war ein ausgesprochen tapferer und mutiger Mensch mit hohen Idealen und edlen Zielen. Seine unternehmungsfreudige Art, vereint mit seiner Ehrlichkeit und Bescheidenheit, machte ihn besonders beliebt. Die Erinnerung an ihn waehrte sich Jahrhunderte lang im Herzen seines Volkes, so dass man bei der Krönung eines jeden Sultans ihm die Eigenschaften Osman Gazi’s wünschte.

Als Orhan Gazi anstelle seines Vaters zum “Bey” ernannt wurde, schlug er seinem Bruder Alaeddin vor, den “Beylik” untereinander zu teilen. Zwar hatte sein Vater ihn als Herrscher bestimmt, nach alter türkischer Sitte jedoch betrachtete man den Staat als Eigentum der Herrscherfamilie. Demnach hatte sein Bruder genau so viel Recht auf dem Staat wie er selbst. Alaeddin jedoch respektierte den Wunsch seines Vaters und nahm das Angebot nicht an. Er nahm sogar nicht einmal die Haelfte der Schafsherden seines Vaters. Er wünschte sich nur ein Dorf, wo seine eigenen Herden weiden konnten. Darauf sagte ihm Orhan Gazi: “Wenn du nichts von dem annehmen willst, was ich dir anbiete; nichts von den Pferden und Schafen und anderen Tieren haben willst, so sei der Hirt meines Volkes, sei mein Wesir!” (etwa Minister, in diesem Fall, erster Minister) Damit schlug er ihm vor, den Staat gemeinsam zu regieren. In der osmanischen Sprache bedeutete das Wort Wesir auch der Lasttraeger. Alaeddin aber nahm den Vorschlag seines Bruders an und teilte mit ihm den schweren Last der Staatsführung. Waehrend sein Bruder auf den Schlachtfelder staendig die Grenzen des Staates erweiterte, widmete er, der nicht besonders kaempferisch veranlagt war, sich zu den organisatorischen Fragen und leistete dabei sehr erfolgreiche Arbeit. Er schuf eine sehr gute institutionelle Infra- struktur, gründete ein funktionsfaehiges Finanzsystem und organisierte eine professionelle, regulaer bezahlte Armee. Er liess die ersten Münzen des Staates auf den Namen seines Bruders praegen. Er erliess Gesetze, die weitere Ordnung in das Staatssystem brachten. Es war damals ungewöhnlich, dass zwei Brüder fern von Rivalitaet und Kaempfen, in bester Harmonie den Staat lenkten. Sie waren ein grosser Gewinn für den osmanischen Staat.

Auch die Janitscharenorganisation, eine sehr wichtige Institution in der osmanischen Armee, wurde in dieser Zeit auf den Vorschlag von Çandarlı Kara Halil gegründet. Orhan Gazi be- suchte mit einer Gruppe dieser neuen Soldaten den weisen Gelehrten Hacı Bektaşı Veli, bat ihn um seinen Segen, um einen Namen und um eine Fahne. Dieser legte seine Hand auf den Kopf eines Soldaten und sprach: “Diese neuen Soldaten sollen Yanitscharen heissen (wörtl.: neue Truppe), eure Gesichter sollen rein, eure Muskeln steinhart, eure Schwerter scharf und eure Pfeile windschnell sein. Ihr werdet von allen Kriegen siegreich zurückkehren!”

Als er seine Hand auf den Kopf des Soldaten legte, hing sein Aermel bis auf dessen Rücken.

In Erinnerung daran brachte man an die Rückseite der Janitscharenhaube ein Stück Stoff, der bis auf den Rücken des Soldaten hing.

ÜBERGANG NACH EUROPA
(AVRUPA’YA GEÇIŞ)

Eins der wichtigsten Ereignisse der Orhan Gazi – Aera und der türkischen Geschichte ist der Übergang der Türken nach Europa, der von Süleyman Paşa, dem Sohn Orhan Gazi’s auf sagenhafteWeise verwirklicht wurde. Auf Anforderung von Byzans entsandten die Osmanen Hilftruppen, die bei den Kaempfen der Byzantiner gegen Bulgaren halfen und dabei Osteuropa kennenlernten. Der byzantynische Kaiser Kantakuzenos, dem die Osmanen zum Thron verhalfen, indem sie ihn bei seinem Kampf gegen seine Rivalen unterstützten, schenkte ihnen die Festung Çimpe auf dem Gallipoli-Halbinsel. Dadurch wurden die Türken zum ersten Mal auf euro- paeischem Boden sesshaft (1353). Diese Festung spielte als Stützpunkt eine wichtige Rolle bei den spaeteren Eroberungen in Osteuropa. Anschliessend besetzte man die ganze Nordküste Marmarameers von Gallipoli bis Tekirdağ. Kurz nach dem frühen Tod des Kron- prinzen Süleyman Paşa i.J.1357 starb auch sein Vater Sultan Orhan Gazi, wodurch die Ausbreitung der Osmanen auf europaeischem Boden zeitweilig unterbrochen wurde. Der nachfolgende Sultan Murad (I.) (1361 – 1389) stellte jedoch zunaechst die Einheit des Staates in Anatolien wieder her und wandte sich anschliessend wieder der europaeischen Seite zu, wo er die Stellung der Türken endgültig befestigte. Im Jahr 1363 wurde Edirne (Hadrianopolis) und danach Gümülcine und Filibe erobert. Durch Einnahme der Stadt Çatalca kamen die Osmanen auch von der westlichen Seite her in die unmittelbare Naehe Konstantinopels.

Die Kreuzzügler wurden i.J. 1364 in Sırpsındığı und 1371 in Çirmen besiegt. Nach diesen Siegen und Eroberungen breitete sich der osmanische Einfluss in den meisten Balkangebieten aus. Bulgarien und Serbien akzeptierten die politische Abhaengigkeit vom Osmanischen Staat. Die Osmanen setzten ihre Operationen in drei Richtungen fort und nahmen Nord-Mazedonien, Nisch, Manastir (Bitolj), Sofia und Ohri ein.

Eigentlich nicht lange nach der Gründung ihres Staates betraten die Osmanen die Balkan- gebiete, wo damals grosse Unruhe herrschte. Deshalb empfingen die Völker dieser Laender die Osmanen eher als ihre Retter. Sie hatten bald erfahren, dass die Türken eigentlich nichts Böses gegen die unschuldige, leidende, einheimische Bevölkerung hatten, sondern ihre grausamen und ungerechten Könige, Feudalherren und deren Streitkraefte bekaempften. Sie betrachteten die einheimischen Völker als “Anvertraute Gottes” und sahen sich verpflichtet diese zu schützen. Sonst waere es gar nicht möglich für die Osmanen, in so kurzer Zeit so weite Gebiete unter Kontrolle zu halten. Die neue Ordnung wurde bald akzeptiert, da die Landbevölkerung dadurch von der feudalen Ausbeutung befreit wurde und auch die Güter der Kirche, der Klöster und der Stiftungen unter Schutz und Kontrolle gestellt wurden.

Das sich entwickelnde osmanische System beeindruckte die anderen Stammesfürsten, “Beys” in Anatolien. Sie und ihre Soldaten merkten, dass die Zukunft bei den Osmanen lag und über-siedelten in die osmanischen Gebiete. Natürlich geschah das nicht plötzlich, sondern im Laufe einer gewissen Zeit, waehrenddessen die stabile und konsequente Politik der Osmanen dis Menschen überzeugte. Dabei spielte neben der raffinierten Besiedelungspolitik die stets gerechte Handlungsweise der Regierung die Hauptrolle.

Gleichzeitig kaempften die Osmanen auch in Anatolien um saemtliche türkischen Staemme dort unter einer Fahne zu vereinen. Von dem Hamidogulları Beyliği wurden die Staedte Akşehir, Beyşehir, Seydişehir, Yalvaç und Şarkikaraağaç einge- nommen, ebenso die Saedte Kütahya, Tavşanlı, Emet und Simav von Germiyanogulları. Die Ausbreitung der Osmanen beunruhigte den rel. grossen Beylik Karaman, so dass es in kurzer Zeit zu einem Krieg zwischen den beiden Staaten kam. Die Osmanen waren wieder die Sieger, wodurch sie eine Zeit lang von Karamanen nicht belaestigt wurden.

Im spaeten 14. Jhh. bildeten die Serben, Ungaren, Walachen, Bosniaken, Albanier, Polen und Tschechen ein grosses Heer um die Osmanen aus den Balkanlaender fortzujagen. Bei der Feldschlacht in Kosovo Polje am 20. Juni 1389 vernichteten die Osmanen dieses Heer und sicherten damit ihre Herrschaft auf dem balkanischen Halbinsel, die einige Jahrhunderte dauern sollte. Als Sultan Murad (I.) Hüdavendigar (etwa: der majestaetische, königliche) nach der Schlacht durch das Schlachtfeld ging, wurde er von einem Serben erdolcht. Man trug den schwerverwundeten Herrscher in sein Zelt, wo er kurz vor seinem Tod zu seinem Sohn Yıldırım Bayezid und seinen Feldherren seinen letzten Willen aussprach: “Steiget nicht vom Pferd ab, steckt eure Schwerter nicht in ihre Scheiden!”