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[Zivilisationen in Anatolien] [Das Osmanische Reich]


STAGNATIONSPERIODE (1566 – 1699)      


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So wie jedem Sonnenaufgang ein Sonnenuntergang folgt, geriet auch das Osmanische Reich nach seiner enormen Entwicklung in eine Periode der Stagnation, denen später die Perioden des Zerfalls und des Untergangs folgten. Die Expansion des Reichs hielt nach Kanuni Sulatna Süleyman noch ein Viertel Jahrhundert an. Dennoch kann man in jenen Jahren bereits die ersten Zeichen und Gründe des Verfalls feststellen, obwohl das Reich am Höhepunkt seiner Macht war.

Während der Regentzeit des Kanuni waren die Haremsdamen einflussreich und mischetn sich zum ersten Mal in die Staatsangelegenheiten ein, was später grossen Schaden anrichtete. Kanunis Lieblingsfrau Hurrem Sultan (Roxelane) bewirkte die Hinrichtung ihres Stiefsohnes, Kronprinz Şehzade Mustafa, aus scheinbaren Gründen, obwohl dieser ein würdiger Nachfolger seines Vaters gewesen wäre. Diese Tat war der Anfang einer Reihe verhängnisvoller Entwicklungen für den Staat. Da die übrigen Şehzades (Prinzen) zu früh starben, verblieb der osmanische Thron dem unfähigsten Prinzen, dem Şehzade Selim. Dieser durchschnittliche Mann wies zwar gewisse Qualitäten vor, war jedoch im Vergleich zu seinen zehn hervorragenden Vorgängern ausgesprochen mittelmässig. Eine durchschnittliche Persönlichkeit war aber für den Thron einer Weltmacht recht ungeeignet. Nach dieser Zeit bestieg kaum einer den Thron, der mit einem der 10 früheren Herrscher zu vergleichen wäre. Die wenigen Ausnahmen bestätigten diese Tatsache. Dasselbe galt auch für die führende Personen des Staates. Nach dem Tod Kanunis führte sein fähiger Grosswesir Sokollu Mehmet Pascha dieses Amt noch 14 Jahre lang. In den 30 Jahren, von seinem Tod im Jahre 1579 bis zur Ernennung Halil Paschas zum Grosswesir, waren 19 Grosswesire im Amt, von denen in der Tat nur drei für dieses wichtige Amt zutreffend waren; sie wurden jedoch bald wieder abgesetzt. Der “Mangel an Führungskräften”, die grösste Schwäche des Osmanischen Reichs während seinen Rückgangs- und Zerfallsperioden, begann im Grunde bereits im XVII.Jahrhundert.

Ein weiterer grosser Fehler Kanunis war, unter dem Einfluss seiner Frau und seiner Tochter, die Ernennung seines Schwiegersohnes Rüstem Pascha zum Grosswesir, was dem Staat irreparable Schaden zufügte. Rüstem Paşa, der die Bestechung in die Staatsmaschinerie einführte, war beim Volk höchst unbeliebt.

Trotz seinen ähnlichen Fehlern gehört Kanuni zweifellos zu den grössten osmanischen Herrschern. Er war der geborene Führer mit erstaunlich viel Energie und Auffassungsvermögen. Sein Ruhm beruht zum grossen Teil auch auf seinen Erfolgen im Rechtsbereich. Er hatte das islamische Recht auf raffinierte Weise mit dem alten türkischen Recht kombiniert und das Ganze an die Anforderungen seiner Zeit angepasst, was eine juristische Hochleistung war. Das Reich hatte sich zu seiner Zeit um fast das Doppelte erweitert.

Mit dem Tod Kanuni Sultan Süleymans ging die Ära der grossen osmanischen Herrscher und ihrer Triumphe zu Ende. Dennoch führte der Staat seine absolute Überlegenheit auf dem Land und auf den Meeren noch eine Weile fort, wobei die politischen, sozialen, rechtlichen und wirtschaftlichen Systeme reibungslos funktionierten. Ein Angriff Österreichs auf Erdel während der Regentzeit des Selim,II. (1566-1574) wurde heftigst zurückgeschlagen. Ausserdem wurde im Jahre 1570 Zypern erobert.

Das Don - Wolga Kanalprojekt

Der geniale Plan von Kanuni, die Flüsse Don und Wolga mit einem Kanal zu verbinden, den Sultan Selim,II. 3 Jahre nach dem Tod seines Vaters verwirklichen wollte, wäre möglicherweise eines der sinnvollsten und strategisch wichtigsten Schritte der türkischen Geschichte gewesen. Das Projekt scheiterte jedoch letzten Endes an der Unzulänglichkeit des Herrschers.

Die Osmanen begannen mit der Realisierung des Projektes zu einer Zeit, als die Russen, die sonst jährlich Steuern an das osmanische Provinz Krim zahlten, sich so weit stärkten, dass sie die türkisch-islamischen Länder Kazan (1552) und Astrachan (1557) besetzten. Die Verbindung von Don und Wolga an einer geeigneten Stelle mit einem 50km langen Kanal hätte mehrere Vorteile für die Osmanen: Schwarzes Meer und Kaspisches Meer wären miteinander verbunden, während dadurch auch eine 950km weite Wasserstrasse das Asow-Gebiet mit Astrachen verbinden würde. Dadurch würden einerseits Nordkaukasus und Astrachan zwangsläufig an das Osmanische Reich angeschlossen, andererseits würde den Russen, die unbedingt an die “warmen Meere” im Süden gelangen wollten, die Wege nach Chazar, Kaukasus, Iran und Turkistan abgesperrt. Ausserdem entstünde hierdurch eine direkte Verbindung zwischen der Türkei und Turkistan, die militärstrategische, politische und wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen würde.

Dieses grosse Projekt, dass sämtliche türkische Länder unter einer Fahnes vereinigen könnte, versetzte die Russen ins Schrecken, sie fanden jedoch keinen Ausweg es zu verhindern. Die Osmanen machten grosse Vorbereitungen für die Realisierung des Projektes und mobilisierten rund 100.000 Soldaten und Arbeiter. Der Grosswesir Sokollu Mehmet Pascha ernannte den Çerkes Kasım Bey, einen früheren Staatssekretär für Finanzen, zum Leiter des Projekts. Dieser Mann, der für diesen Zweck zum Vier-Sterne-General befördert wurde und nun Kasım Pascha hiess, hatte nicht die geringste Erfahrung in ähnlichen Projekten. Man begann erst im September, also viel zu spät, mit den Erdarbeiten und erlitt grosse Verluste bei der Belegschaft als der strenge Winter plötzlich einbrach. Andererseits versuchte der Krim Khan Devlet Giray die Arbeiten heimlich zu sabotieren, wo er nur konnte. Er fürchtete, dass das Gelingen des Vorhabens seine Macht und die Bedeutung seines Landes vermindern würde. So wurden die Arbeiten gerade von denjenigen verhindert, die im Endeffekt von diesem Projekt am meisten hätten profitieren können. Das gleichzeitig auftretende Jemen-Problem hatte den Vorrang und so wurden die Kanalarbeiten niedergelegt. Die ganzen Vorbereitungen und enormen Ausgaben waren umsonst aber was noch wichtiger war, war das Misslingen eines Vorhabens, dass den Verlauf der türkischen Geschichte hätte verändern können.

Dadurch, dass der Krim Khan das Projekt verhinderte, bereitete er eigenhändig das Unglück der Krim-Tataren vor, das bis zur Gegenwart dauerte. Nun war Russland auf dem Weg eine grosse Macht zu werden, die die türkischen Staaten in der Gegend eins nach dem anderen einverleiben und dem Osmanischen Reich grosse Schaden zufügen würde. Der Historiker Katip Çelebi kritisierte Sokollu Mehmet Pascha, der einen zweitrangigen Beamten wie Kasım Pascha zum Leiter des Projekts ernannte, mit den Worten: “ Die Moral der Geschichte ist es, dass man mit kleinen Leuten keine grossen Sachen anfangen darf. Jedes Vorhaben bedarf den entsprechend fähigen Mann. Dieses Projekt hätte zum richtigen Zeitpunkt von einem fähigen und tatkräftigen Herrscher selber in die Hand genommen werden sollen. Mit Kommandanten und Wesiren war das nicht zu erledigen.”

Der zweite Misserfolg des Osmanischen Reichs während der Zeit des Sultan Selim,II. geschah in Inebahtı. Nach der Eroberung Zyperns durch die Türken wurde auf Anforderung des Papstes eine Flotte der Kreuzritter zusammengestellt, die bei der Schlacht in Inebahtı (1571) die osmanische Flotte vernichtete, wobei sehr viele osmanische Marinesoldaten ums Leben kamen. Uluç Ali (Kılıç) Pascha kam mit den restlichen 60 Schiffen, die er retten konnte, nach Istanbul zurück. Grosswesir Sokollu Mehmet Pascha riet dem venezianischen Gesandten, der ihn nach der Niederlage besuchte, sich nicht zu sehr zu freuen : “Mit der Eroberung Zyperns haben wir Euren Arm abgeschnitten. Mit der Verbrennung unserer Flotte habt Ihr unser Bart abgeschnitten. Der abgeschnittene Arm wächst nicht nach, der rasierte Bart aber wächst dichter nach!” Er befahl dem Admiral Kılıç Ali Pascha bis zum Sommer eine neue Flotte bauen zu lassen. Als dieser ihn diesbezüglich an die zu knappe Zeit und an die zu grossen Kosten erinnerte, gab Sokollu seine historische Antwort: “ Pascha, Du kennst dieses Volk nicht genug! Wenn dieses Volk will, baut es die Masten aus Silber, die Segeln aus Atlas und die Taue aus Seide !” Tatsächlich lief im folgenden Sommer die neue und stärkere Flotte aus dem Stapel und die Venezianer mussten um Frieden bitten. Die Venezianische Republik war sogar bereit den Osmanen Kriegsentschädigung zu zahlen.

Zum ersten Mal im XVII.Jahrhundert erlebten die osmanischen Türken neben Siege und Erfolge auch Niederlagen und Verluste. Sie merkten, dass sie im Vergleich zu den früheren Zeiten in eine Periode der Stagnation geraten waren. Die türkischen Denker und Gelehrten jener Zeit, die die Gründe dieses Zustands erforschten, schrieben über die Fehler und Misstände in militärischen und wissenschaftlichen Bereichen und in der Verwaltung. Sie glaubten jedoch, dass der Staat durch Verbesserung dieser Fehler seine frühere Macht wiedererlangen würde, da nach ihrer Meinung die zivile und moralische Überlegenheit nach wie vor bei den Osmanen lag. Diese Verbesserungen wären aber nur dann durchführbar, wenn ein genialer Herrscher mit Durchsetzungsvermögen den Staat lenkte, und weise, fähige Männer ihn dabei unterstützten. Diese waren aber nicht mehr da, stattdessen wurden im Hof die Intrigen immer intensiver und gefährlicher. Die Herrscher wurden sogar von denjenigen attackiert, die ihnen am nächsten standen. Nach dem ersten Sultan-Mord an Genç Osman,II. fürchteten sich die Herrscher Misstände am Staatswesen zu bekämpfen.

Das erwähnte Besteuerungssystem der Landbevölkerung, das den Rückgrat der berittenen Truppen bildete und die Staatskasse füllte, wurde degeneriert und brachte immer weniger ein. Die entsandten Steuerpächter bereicherten sich in kurzer Zeit selber und bereiteten dem Staat zusätzliche Probleme.

Die Gründe der Stagnation und des darauffolgenden Rückgangs und Zerfalls im Osmanischen Reich sind zahlreich. Man könnte diese aber als Degenerierung der Staatsverwaltung, der Militärorganisation, der Wirtschaft, des sozialen Gefüges sowie des Erziehungswesens zusammenfassen. Bestechung und Vetternwirtschaft waren weit verbreitet, was die Besetzung wichtiger Ämter durch unfähige Leute zur Folge hatte. Die Gründung der zentralen Königreiche in Europa, die Entwicklung der Wissenschaften, Kunst und Technik infolge der Renaissance und Reformen, die wirtschaftlichen Folgen der Entdeckungen neuer Länder und Abnahme der Einkommen im Osmanischen Reich waren weitere wichtige Gründe des be- ginnenden Rückgangs. Die Osmanen konnten mit den neuen Entwicklungen auf der Welt nicht mehr wie früher schritthalten, zudem wurden die erforderlichen, grundsätzlichen Änderungen im Staatswesen versäumt. Einige Aktionen in dieser Richtung wurden verhindert. Diese Misstände führten zu Beginn des XVII.Jahrhunderts auch zu einigen Aufständen im Reich.

Mit der Regierungszeit des Sultans Murat,III. (1574 – 1595), der als Nachfolger des Sultan Selim,II. den osmanischen Thron bestieg, begannen die Kriege und Feldzüge des Staates zu lange zu dauern und sich zu Ungunsten der Osmanen zu entwickeln. So waren die Kriege mit Iran, die im Jahre 1578 begannen und mit einigen Unterbrechungen während der Regierungen von Mehmet,III. (1595 – 1603), Ahmet ,I.(1603 – 1617), Osman,II. (1618 – 1622) und Murat,IV. (1623 – 1640) bis zum Jahre 1639 dauerten, ein wichtiger Grund der Stagnation des Reichs. Es war Irans Staatspolitik, stets auf die schwachen Momente der Osmanen zu lauern und dabei im Gleichschritt mit dem christlichen Westen vorzugehen. Die Jahrzehnte lange Militäraktionen gegen die Feindseligkeiten Irans, hatten Anatolien aus dem Gleichgewicht gebracht.

Der junge Herrscher Genç Osman,II. , der nach Mehmet,III. zum ersten Mal auf eigener Faust die Armee kommandierte, bemerkte die Degeneration bei den Janitscharen. Seine Bemühungen, diese Truppen zu reformieren, führten zu dem ersten Mord eines Sultans durch seine Untertanen. Das war eine grosse Lehre für seinen Nachfolger Murat,IV. , der mit seiner Intelligenz, seinem geschickten Vorgehen und enormen Durchsetzungsvermögen dem Reich den ersehnten Schwung der Glanzzeiten eine Weile wiedererleben liess.

Bevor er seine grossen Feldzüge Revan und Bagdat gegen Iran antrat, bekämpfte Murat,IV. zuerst die lokalen Gewaltherrscher, die auf illegalen Wegen sich bereichert und gewisse Macht erlangt hatten sowie die aufmüpfigen Reitertruppen in Anatolien. Nachdem er auf diese Weise das Heer bereinigt hatte, griff er mit den beiden genannten Feldzügen Iran an, gewann die Schlachten und beendete so die seit 61 Jahren dauernden chronischen Kämpfe mit diesem Nachbarland. Das im Jahre 1639 unterzeichnete Kasr-ı Şirin Abkommen mit Iran bewahrte, abgesehen von einigen wenigen und kleinen Änderungen, seine Gültigkeit bis heute.

Nach dem frühen Tod des Sultan Murat,IV. Khans im Jahre 1640 und der Ermordung seines Nachfolgers Sultan Ibrahim,I. durch Aufständische (1648), bestieg Mehmet,IV. mit 7 Jahren den Thron. Während dieser Zeit gewannen die höheren Offiziere (“Ağa”) der Kavallerie und der Janitscharen so viel Macht und Einfluss, dass sogar die Wesire des Reichs nach ihren Willen ernannt wurden. Die “Agas” bestimmten praktisch alles und keiner konnte ihnen widerstehen. Das führte zwangsläufig zur Beschädigung des Staatssystems und der Finanzen. Die Agas gaben die Anzahl der Soldaten viel höher an als sie war und kassierten die entprechend hohen Löhne selber. Bei fast allen Ernennungen bekamen sie Bestechungsgelder. Ähnliche Missstände dauerten bis zur Ernennung des Köprülü Mehmet Pascha zum Grosswesir (1656).

Da während dieser chaotischen Zeit unfähige und ungebildete Wesire, praktisch nur gegen Bestechung, alle möglichen Leute als Statthalter in verschiedene Provinzen schickten, war das Volk vielerorts lokalen Gewaltherrschern ausgeliefert. Die Grausamkeiten dieser Leute brachte einen Teil der Bauern dazu, dass sie ihre Acker verliessen und zu Räubern in den Bergen wurden. Die anderen flüchteten in die Städte und die Verbliebenen wurden furchtbar unterdrückt. Zwar wurden diese Zustände zuerst durch Eingreifen von Kuyucu Murat Pascha und später von Murat,IV. zeitweilig verhinderrt, aber wegen der allmählichen Erschwächung des Staates, kamen zeitweise Aufstände vor. In den ersten 8 Jahren der Regierungszeit des Sultan Mehmet,IV. jedoch erreichten die Misstände ihren Höhepunkt. Als Mehmet,IV. 15 Jahre alt war, ernannte er den fähigen Wesir Köprülü Mehmet Pascha zu seinem Grosswesir. Dieser wichtige Staatsmann verschaffte dem Staat Ordnung und Stabilität im Inland und Ansehen im Ausland. Während der Amtszeit des Körülü Mehmet Pascha (1656 – 1661) und seines Sohnes Köprülü Fazıl Ahmet Pascha (1661 – 1676) erlebte das Osmanische Reich die Ruhe, Sicherheit und Ordnung der Kanuni-Zeit von Neuem. Es gab keinen Aufstand bei den Soldaten und trotz einigen Niederlagen siegte die osmanische Armee wieder bei den meisten Kriegen und erlebte eine triumphale Ära. Die Festung Uyvar (Neuhäusel, Nové Zamky), worauf die Österreicher besonders stolz waren, wurde 1663 eingenommen.

Niederlage vor Wien

Als die Österreicher Ungarn besetzten, bat der Ungarische König die Osmanen um Hilfe, worauf Merzifonlu Kara Mustafa Pascha, der nach Fazıl Ahmet Pascha der osmanische Grosswesir wurde, im Jahre 1683 Wien belagerte. Die 100 bis 120 tausend Mann starke osmanische Armee besiegte die Österreichische unter der Leitung des Herzogs Karl von Lorenz und beschlagnahmte ihre ganze Ausrüstung. Kaiser Leopold,I. von Österreich verliess mit seinem Gefolge die belagerte Hauptstadt. Graf Strahmberg, der in Wien blieb, mobilisierte sämtliche kampffähige Männer in der Stadt und ergriff alle möglichen Schutzmassnahmen. Durch die Eroberung von Wien sollte das Deutsch-Österreichische Kaiserreich zurückgedrängt und die Gründung eines starken ungarischen Königreichs ermöglicht werden. Solange das Ungarische Königreich bestehenblieb, sollte Österreich keine wichtige Gefahr mehr für die Türken darstellen. Diese Schutzzone sollte den türkischen Staat für lange Jahre vor westlichen Angriffen bewahren.

Während den ersten zwei Monaten der Belagerung von Wien, die ganz Europa schockierte, besetzten die Türken die meisten Schanzen um die Stadt. Es sah so aus, als ob die Stadt sich in Kürze ergeben müsste. Da der Pascha die Zerstörung und Plünderung der Stadt unbedingt vermeiden wollte, wartete er, dass sie sich von selbst ergab. In der Zwischenzeit aber sorgte der Papst dafür, dass Österreich, Polen, Sachsen, Bayern und Franken einen heiligen Bund eingingen und eine gemeinsame Armee von 120 Tausend Soldaten bildeten, die vom polnischen König Jan Sobiesky,III. geführt wurde.

Der Grosswesir Kara Mustafa Pascha beauftragte den Murat Giray Khan von Krim die sich nähernde Armee der Verbündeten an der Donau zu stoppen. Falls der Feind den Fluss doch überqueren sollte, würde Ibrahim Pascha, der Statthalter von Buda sie bekämpfen.

Der Krim Khan aber zog sich mit seinen Soldaten auf einen Hügel zurück und sah zu, wie die Verbündeten die Donaubrücke überquerten. Er sagte dem Imam von Krim, der ihn anflehte, einzugreifen: “Du kennst wohl die Misshandlungen nicht, die die Osmanen uns antaten. Für mich bedeutet es nichts diesen Feind fortzujagen und ich weiss auch, dass mein Tun Verrat gegen unseren Glauben ist. Aber ich will, dass sie ihre Schwäche und den Wert der Tataren einsehen.”

Auf diese Weise überquerte die Armee der Kreuzritter die Donau ohne jeglichen Widerstand und näherte sich den türkischen Belagerungskräften von hinten. Ibrahim Pascha, der Statthalter von Buda war gegen die Belagerung von Wien und stand deshalb auf Kriegsfuss mit Kara Mustafa Pascha. So gab auch er den verbündeten Kräften den Weg frei und zog sich mit seinen Soldaten nach Buda zurück. Kara Mustafa Pascha, der nun von beiden Seiten unter Beschuss geriet, kämpfte zwar mit seinen 10 000 Soldaten heldenhaft, er sah jedoch, dass nach so viel Verrat nichts mehr zu erreichen war und zog sich mit seinen restlichen Kräften nach “Yanıkkale”.

Bei der Niederlage vor Wien erlitten die türkischen Soldaten eigentlich keine allzu grossen Verluste, sie waren jedoch moralisch am Ende ihrer Kräfte. Nach Verstärkung der Burgen in Ungarn überwinterde der Grosswesir mit seinen Kräften in Belgrad. Inzwischen sorgten die Wesire am Hof, die gegen ihm waren, für sein Todesurteil. Durch die Hinrichtung des Kara Mustafa Paschas verlor das Reich trotz allem einen erfahrenen Feldherrn, der möglicherweise das Heer wieder in Ordnung hätte bringen und die Niederlage zum Sieg wenden können.

Im nächsten Jahr schloss sich auch Venedig dem Heiligen Bund an, sodass die osmanischen Kräfte gegen Österreich, Polen, Russland und Venedig an vier Fronten gleichzeitig kämpfen mussten. Wenn sie auch manchmal siegten, erlitten die Osmanen immer grössere Verluste, da die Kriege viel zu viel Zeit beanspruchten. Zum Schluss musste im Jahre 1699 der Friedensvertrag von Karlowitz unterzeichnet werden.