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[Zivilisationen in Anatolien] [Das Osmanische Reich]


RÜCKGANG UND ZUSAMMENBRUCH DES REICHS (1699 – 1923)      


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Mit dem Friedensvertrag von Karlowitz (1699) gab das Osmanische Reich zum ersten Mal Land ab und verlor in den folgenden 200 Jahren bis zu seinem Zusammenbruch alles, was in den 400 Jahren zuvor gewonnen wurde. Mit diesem Vertrag überliessen die Türken fast das ganze Ungarn den Österreichern, Ukraine und Podolien den Polen, die Festung Asow den Russen sowie Dalmatien und Peloponnes den Venezianern. Lediglich die Stadt Tameschvar, deren Bewohner sich heldenhaft verteidigten, blieb für eine Weile bei den Türken. Diese schweren Niederlagen und Verluste liessen bittere Spuren bei den Türken.

Nach Unterzeichnung des Vertrages von Karlowitz bemühte sich das Osmanische Reich um die Stärkung seiner Grenzen, um die Verbesserung der Verwaltung, Finanzen und Wirtschaft sowie um die Neuordnung des Heeres und der Marine. Währenddessen machten Europa und Russland, die früher den türkischen Staat nachahmten, nun grosse Fortschritte in Wissenschaft und Technik. Ausserdem umzingelten sie die Türken immer fester.

Einige Sultane, die nach dem Vertrag von Karlowitz den osmanischen Thron bestiegen, sahen die kritische Lage des Staates und suchten Auswege. Sie stiessen jedoch stets auf zwei grosse Hindernisse: Das erste war die inzwischen degenerierte Janitscharen-Organisation, die das Rückgrat des osmanischen Heeres bildete. Die Janitscharen hatten ihre ursprüngliche Ordnung, ihre besonderen Sitten und ihre ganze Interessen an dem Militärischen völlig verloren. Sie wiesen alle modernen militärischen Methoden und Techniken heftig zurück. Sie hatten sich zu einem aufmüpfigen Haufen entwickelt, die nur bei den Kriegen an die Front ging, sonst aber nichts von der modernen militärischen Auffassung und den Systemen wissen wollte. Deshalb reichte die bereits erfolgte Modernisierung der Artillerie nicht aus, um militärische Erfolge zu erzielen.

Das zweite Hindernis war die Tatsache, dass diese fortschrittlichen Sultane über keine wertvolle und fähige Staatsmänner verfügten, die sie bei ihren dringend nötigen Reformen unterstützen sollten. Durch Degenerierung des “Tımar” genannten Lehensystems wurden die Kavallerietruppen des Heeres sehr geschwächt, während die Anzahl der Janitscharen übermässig stieg, wodurch eine kaum zu kontrollierende, wertlose Soldatenmenge in der Hauptstadt entstand. Zweifellos sah das jeder. Aber leider nutzten viele hohe Staatsbeamte diesen Zustand zu ihrem eigenen Vorteil aus, anstatt sie zu ändern und verbessern, wodurch sie allerdings das Ende des Janitscharencorps und auch ihr eigenes Ende vorbereiteten.

Manche behaupten, dass die Osmanen deshalb zurückgingen, da sie den Entwicklungen des Westen nicht folgen konnte. Die neueren Untersuchungen zeigen jedoch, dass das nicht gänzlich stimmt. Man geht heute von der Tatsache aus, dass der absolut Überlegene naturgemäss den Unterlegenen nicht genau beachtet. Tiefliegende Entwicklungen, deren Auswirkungen längere Zeiten in Anspruch nehmen, werden meistens auch nicht von weitsichtigen Leuten sofort bemerkt. Und wenn sie erst später bemerkt werden, ist es meistens schon zu spät. Auch die Osmanen hielten es erst nach ihren Niederlagen für nötig, die Überlegenheit der Europäer auf militärischen und technischen Gebieten zu erforschen.

Schliesslich wurde die Überzeugung aus dem XVII.Jh., jegliche Verbesserungen und Reformen am Osmanischen Staat aus eigenen Quellen, nach eigenen Methoden durchzuführen, am Anfang des XVIII.Jh durch die Ansicht ersetzt, dass man gewisse Praktiken und Institutionen doch aus Europa übernehmen sollte. Der Friedensvertrag von Passarowitz, der während der Regierung (1703 – 1730) Sultan Ahmet,III. unterzeichnet wurde, sorgte für eine friedliche Atmosphäre im Reich. Bei den kulturellen Tätigkeiten und Bebauungsarbeiten, die der Grosswesir Damat Ibrahim Pascha unternahm, spielte der europäische Einfluss eine wichtige Rolle. Zum ersten Mal wurden offizielle Botschafter an die wichtigen Hauptstädte von Europa entsandt. Somit hatten die Türken zum ersten Mal die Gelegenheit die westliche Zivilisation, wenn auch oberflächlich, kennenzulernen.

Said Çelebi, der mit Yirmisekiz Çelebi Mehmet Efendi zusammen nach Paris ging, erkannte dort die Bedeutung der Druckerei und setzte sich nach seiner Rückkehr mit Ibrahim Müteferrika, einem ungarischen Konvertit, in Verbindung zwecks Errichtung einer Druckerei in Istanbul. Auf Befehl des Sultans und Zustimmung des “Şeyh-ül islams” (des obersten Richters in religiösen Angelegenheiten) kam diese überaus wichtige westliche Erfindung in die Türkei. Dadurch konnten viele wissenschaftliche und kulturelle Werke vervielfältigt und verteilt werden. Der Sultan und sein Grosswesir unterstützen und förderten die Kreise der Wissenschaftler und Künstler, deren Werke durch die Druckerei für alle zugänglich wurden, was sie sehr vorantrieb. In Yalova wurde eine Papierfabrik errichtet, in Istanbul begann man mit der maschinellen Produktion von Kacheln und Textilien. Die Verschwendungssucht und überaus luxuriöses Leben vieler hohen Staatsbeamten während dieser Zeit führte jedoch zur allgemeinen Unzufriedenheit der Bevölkerung. Die obere Schicht vergnügte sich in ihren Gärten an den Hängen von Bosphorus und in den grossen Parks am Goldenen Horn auf ähnliche Weise, wie man es in den europäischen Palästen tat. Diese, sog. “Tulpenperiode” ging mit dem grossen Aufstand des Patrona Halil im Jahre 1730 tragisch zu Ende.

Als die westlichen Techniken des Militärs allmählich in die Türkei einzogen, begann im Jahre 1768 der Krieg mit Russland, der bis 1774 dauerte. Dieser Krieg zeigte der ganzen Welt die Unzulänglichkeit der türkischen Armee, die hauptsächlich aus Janitscharen bestand. Der auf diese schwere Niederlage unterzeichnete Küçük Kaynarca Vertrag (1774) trennte die osmanische Provinz Krim vom Reich ab und erlaubte den Russen eine Flotte im Schwarzen Meer zu haben, was bis dahin ein osmanisches Binnenmeer war.

Trotz aller Misstände bemühten sich die osmanischen Prinzen, die nunmehr mit grösster Sorgfalt erzogen und gebildet wurden, sofort nach ihrer Krönung um die Weitersanierung des Staates und um die Erlangung früherer Macht und Glorie. So wurden während der Regierung des Sultan Mahmut,I. (1730 – 1754) und des Sultan Mustafa,III. (1757 – 1773) die Haubitzen und Artillerie-Truppen nach westlichen Mustern modernisiert.

Österreich und Russland wollten jedoch nicht, dass das Osmanische Reich wieder auf die Beine kam und begannen ständig neue Kriege an verschiedenen Fronten. Vor allem die Besetzung und Annexion von Krim durch die Russen wurde für die Osmanen zu einer unvergesslichen Quelle des Schmerzens. Denn der Verlust von Krim, dessen Gesamtbevölkerung aus Türken bestand, war anders als der von Ungarn oder Mitteleuropa. Zum ersten Mal wurde ein Stück Land mit islamischer Bevölkerung verloren. Die Osmanen verloren auch den neuen Krieg mit den Russen, der im Jahre 1787 begann. Der Fall der Festung Özi im Jahre 1789, wobei deren islamische Bevölkerung massakiert wurde, liess den Sultan Abdulhamit ,I. vor Kummer sterben.


Bemühungen um Verwestlichung


Schon als Kronprinz wollte Sultan Selim,III. so viel wie möglich von der europäischen Zivilisation profitieren und eine neue Armee europäischer Art zu gründen, wodurch das Reich wieder zu ihrer früheren Macht gelangen sollte. Er beschäftigte sich ständig mit diesem Ziel. Gleich nach seiner Krönung begann er mit seinen Verbesserungen, als man in Europa nur mit der Französischen Revolution beschäftigt war. Er beauftragte Ebu Bekir Ratıp Efendi, den er als Botschafter nach Wien schickte, mit dem Studium der Lage in Europa und der österreichischen Organisation der Armee und Verwaltung. Er sollte einen detaillierten Bericht über diese Anhaltspunkte vorbereiten. Der Botschafter, ein überaus intelligenter Mann, sammelte in kurzer Zeit wertvolle Informationen über die wissenschaftliche, politische und militärische Lage in Europa. Er reichte dem Sultan einen ausführlichen Bericht über die Organisation der österreichischen Armee, über die Militärschulen, über die Ausbildung der Offiziere usw. Überdies informierte sich der Sultan bei seinen Wesiren und höheren Staatsbeamten über die Fehler und Misstände in der Staatsführung. Angesichts solcher Informationen und Berichte begann der fortschrittliche Herrscher mit Reformen auf den administrativen, zivilen, landwirtschaftlichen, industriellen, kommerziellen, wissenschaftlichen und militärischen Gebieten. Die Gesamtheit dieser Reformen nannte man “Nizam-ı Cedid İnkılabı” (Revolution der neuen Ordnung). Ausserdem wurde zu der Zeit Sultan Selim,III. eine neue Armee neben Janitscharentruppen gegründet, die ebenfalls “Nizam-ı Cedid” genannt und nach völlig neuen, europäischen Prinzipien und Techniken organisiert und ausgerüstet wurde. Diese neuen Streitkräfte, die nach modernen Methoden ausgebildet und diszipliniert wurden, erwiesen sich in kurzer Zeit als erfolgreich und nützlich. Der Wert der der neuen Armee wurde durch ihren Sieg in Akka gegen Napoleon deutlich, der Ägypten besetzt hatte und nach dieser Niederlage vor der relativ kleinen aber modernen Armee der Osmanen unter der Leitung von Cezzar Ahmet Pascha sich zurückziehen musste. Dieser Sieg wendete das Urteil der Öffentlichkeit zugunsten der neuen Armee. Napoleon sagte: "Man kann die Türken töten, aber nicht einschüchtern."

Während der Kriege der Osmanen gegen die Russen und Österreicher, die im Jahre 1806 begannen, schickte man die neue Armee auf die europäische Seite des Reichs und versuchte sie zu vergrössern und zu verstärken. Diese Aktion misslang jedoch leider infolge des Widerstands der Janitscharen und einiger einflussreichen Abgeordnen. Die Staatsbeamten, die in Edirne die Bekanntmachung des Sultans über die neue Armee kundgaben, wurden ermordet. Der dort durch diese Tat begonnene Aufstand dauerte bis zur Absetzung des Sultan Selim,III. im Jahre1807. Die Aufständischen krönten Mustafa,IV. als seinen Nachfolger, worauf Alemdar Mustafa Pascha, der Statthalter von Ruśćuk (nördl. Bulgarien) mit seinen 16.000 Soldaten nach Istanbul marschierte, um Selim,III. wiederzukrönen, was aber leider zur Ermordug Selims,III. durch die Aufständischen führte (1808).

Die einstige osmanische Weltmacht mit ihrer besonderen Stellung in der Geschichte konnte, trotz der Bemühungen und trotz gewisser Erfolge einiger Herrscher, ihre eigene Ordnung nicht mehr aufrechterhalten. Die Degenerierung der Janitscharentruppen, Korruption in der Verwaltung, schwere Niederlagen sowie Aufstände waren die wichtigsten Gründe dafür. Ausser Krim, das ein grösseres Staat für sich mit türkischer Bevölkerung war, wurden noch weitere Provinzen den feindlichen Staaten abgegeben und sämtliche Kontakte mit den ferneren Provinzen in Nordafrika, Ägypten und Arabien fast völlig unterbrochen. Als das Lehensystem "Tımar", das dem Staat die Kavallerietruppen lieferte und auf der anatolischen und europäischen Seiten des Landes sich degenerierte und zusammenfiel, entwickelten sich die meisten dortigen Statthalter zu einer Art selbstständigen Feudalherren, die dem Staat keine Steuern zahlten und auch keine Soldaten bereitstellten. Auf diese Weise zerfiel der Staat in sich selbst.

Als Alemdar Mustafa Pascha, ein treuer Statthalter, genügend Macht in Istanbul erlangte und die Krönung des jungen Sultans Mahmut,II. bewirkte, hatten die Statthalter ihre Provinzen völlig unter eigene Kontrolle genommen. In Istanbul wurde ein Abkommen zwischen der Regierung und den Statthaltern unterzeichnet, das man “Sened-i İttifak” (etwa: Urkunde der Einigkeit) nannte. Danach bestätigten die Statthalter ihre Treue zum Sultan und verpflichteten sich dem Staat regelmässig Steuern zu entrichten und ihm Soldaten zur Verfügung zu stellen. Dafür bestätigte der Staat deren bis dahin inoffiziell erlangten Privilegien sowie ihr Erbrecht auf ihre Provinzen, so dass deren Führung im Falle ihres Todes auf ihre Nachkommen überging. Manche Historiker bezeichnen dieses Abkommen als “Magna Charta der Osmanen” und sehen darin den ersten Entwurf einer Verfassung.

Trotz allen Schwierigkeiten verwirklichte Sultan Mahmut,II., der als Nachfolger des Sultan Selim,III. mit 24 Jahren inthronisiert wurde, das “Nizam-ı Cedid”-Projekt in weiterem Sinne. Er gründete nicht nur eine moderne Armee, sondern auch eine völlig neue Ordnung. Dafür musste der Herrscher viel Mut und Widerstandskraft aufbringen. Auch der grosse Aufstand der Janitscharen im Jahre 1808, “Alemdar Vakası” (das Alemdar Ereignis) genannt, wobei der Grosswesir Alemdar Mustafa Pascha ermordet und die neugegründete Armee “Sekban-ı Cedit” abgeschafft wurde, konnte den jungen Sultan nicht einschüchtern. Er schritt fest entschlossen voran, obwohl der Staat zur gleichen Zeit gegen Aufstände im Inneren und feindliche Angriffe von Aussen kämpfen musste. Der griechische Aufstand, der im Jahre 1821 anfing, führte zur Gründung Griechenlands im Jahre 1830. Auch der Aufstand des ägyptischen Statthalters Kavalalı Mehmet Ali Pascha bereitete dem Sultan Mahmut,II. grosse Schwierigkeiten. Der im Jahre1838 mit England unterzeichnete Osmanisch–Englische Handelsvertrag machte aus dem Reich einen offenen Markt.

Eines der wichtigsten Ereignisse während der Regierungszeit des Sultan Mahmut,II. ist die Abschaffung der Janitscharenorganisation am 15 Juni 1826. Die Janitscharen benahmen sich seit Anfang des XVIII.Jh. dem Sultan und dem eigenen Volk gegenüber wie skrupellose Banditen, während sie im Krieg vor dem Feind zu wahren Lämmer wurden. Die Organisation hatte ihre ehrenvolle Stellung während des Aufstiegs des Staates längst verloren und hatte nunmehr einen gehörigen Anteil an jedem Unheil, das dem Staat geschah. Deshalb bezeichnete man die Abschaffung der Janitscharen als “Vaka-i Hayriye” (etwa: segensreiches Ereignis).

Bei der ersten Sitzung des Wesirenrats nach der Abschaffung der Janitscharen beschloss man 1826 die Gründung einer neuen Militärgruppe mit dem Namen “Asakir-i Mansure-i Muhammediye” (etwa: siegreiche Soldaten Mohammeds).

Sultan Mahmut,II. legte auch die Grundsteine der Institutionen, die den türkischen Staat zu einer neuen Ordnung verhalfen. Er schickte Kadetten in europäischen Länder, die dort ausgebildet wurden und den Gebrauch moderner Waffen erlernten. Er gründete Ministerien und gleichte die Organisation der Regierung weitgehend der europäischen an. Er führte modernere Bekleidung ein und ersetzte den Turban mit einem Fes. Zum ersten Mal zu seiner Zeit trugen die Männer Jacken und Hosen anstatt Kaftane. Er gründete eine militärisch – medizinische Hochschule sowie eine Kriegsakademie und liess Lehrkräfte aus dem Ausland holen, die in diesen Schulen unterrichteten. Er liess im Jahre 1831 die erste offizielle Zeitung des Landes veröffentlichen “Takvim-i Vakai” (Kalender der Ereignisse), die in Türkisch, Arabisch, Griechisch, Französisch und Armenisch erschien. Darauf folgten die privaten Blätter “Ceride-i Havadis” (Nachrichtenverzeichnis) im Jahre 1840, “Tercüman-ı Ahval” (Übersetzer der Zustände) 1860 sowie “Tasvir-i Efkar” (etwa: Meinungsbeschreibungen) 1862.

Die Reformen des Sultan Mahmut,II. stellen einen neuen Wendepunkt in der türkischen Geschichte dar.

Nach dem Tod des Sultan Mahmut,II. bestieg der 16-jährige Sultan Abdülmecid (1839 – 1861) den osmanischen Thron. Als erste Handlung liess er, auch unter Druck europäischer Staaten, den Aussenminister Mustafa Reşit Paşa eine neue Reformenerklärung ausarbeiten, deren Grundzüge bereits zu Lebenszeiten des Sultan Mahmut,II. festgelegt wurden. Diese Erklärung,“Tanzimat Fermanı” (etwa: Erlass der Reformen oder der Ordnung) genannt, war ein Programm der Verbesserungen, das dem Volk seine Grundrechte sicherte und wichtige Reformen in sozialen und wirtschaftlichen Bereichen vorsah. Die Erklärung wurde im Jahre 1839 im Gülhane Park von Mustafa Reşit Paşa persönlich vorgelesen, und zwar in der Gegenwart des Sultans, der hohen Staatsmänner, der Botschafter fremder Länder und des Volkes. Diese Deklaration ist auch unter dem Namen “Gülhane Hatt-ı Hümayunu” (Kaiserliches Dekret von Gülhane) in die Geschichte eingegangen. Während der Periode (1839 – 1876), die mit der Verkündung dieses Dekrets anfing, wurden viele Erneuerungen in Anlehnung an die europäischen Muster vorgenommen. Dennoch aber war der Rückgang der Osmanen nicht aufzuhalten. Im Jahre 1853 fand der Krieg mit Russland statt. 1854 machten die Osmanen zum ersten Mal Schulden im Ausland. 1856 zog die Sultansfamilie und mit Angehörigen aus dem völlig veralteten Topkapı Palast in das moderne Dolmabahçe Palast um, das im europäischen Stil gebaut war..

Sultan Abdülaziz, der im Jahre 1861 inthronisiert wurde, erbte ein Reich, dessen wirtschaftliches Ansehen beschädigt war. Zu seiner Zeit wurde die wirtschaftliche Misere noch grösser. Die Probleme in den Gebieten des Balkans wuchsen weiter. Autoren und Dichter wie Namık Kemal, Ali Suavi und Şinasi unterrichteten das Volk über die ernsthaften Schwierigkeiten des Osmanischen Staates. Die sog. “Yeni Osmanlılar” (Jungtürken), unter Führung einer Gruppe vornehmlich von Journalisten, gilt als erste osmanische Freiheitsbewegung im westlichen Sinne. Die ersten Romane in Türkisch erschienen zur Zeit des Sultan Abdülaziz. Man legte mehr Wert auf die Erziehung und eröffnete neue Schulen. Sultan Abdülaziz machte auch Auslandsreisen. Seine Europareise im Jahre 1867 stellt den ersten diplomatischen Besuch eines osmanischen Herrschers ins westliche Ausland dar.

Sultan Adülaziz unternahm ebenfalls bedeutende Schritte, um seinen Staat, den man als “den kranken Mann am Bosporus” bezeichnete, aus dem kritischen Zustand zu retten. Dazu wollte er eine starke und moderne Armee mit der dazu passenden Marine gründen, um die Gefahren, die sein Land bedrohten, zu beseitigen. Es waren die Jahre der sich rasch entwickelnden Technik und der beginnenden Industrialisierung in Europa, die Abdülaziz bereits als Kronprinz schon verfolgt hatte. Er war fest entschlossen und zu allen Opfern bereit, diese Entwicklungen für die Verstärkung seines Landes auszunutzen.

Er führte die damals modernsten “Martini”-Gewehre aus den USA und rüstete damit die ganze Infanterie. Nicht einmal die europäischen Armeen besassen damals solche Waffen. Anschliessend liess er die drittgrösste Flotte der Welt nach der Englischen und der Französischen bauen. Seine neu gegründete und nach modernen Kenntnissen organisierte, 500.000 Mann starke Armee war die modernste ihrer Zeit.

Die Osmanen hatten die neue Ordnung auf der Welt sowie die Entwicklungen, die infolge der Industrierevolution und der nationalistischen Strömungen auftraten, nicht rechtzeitig und genügend begreifen können. Am Anfang waren ihnen die neuen Entwicklungen und Änderungen unwichtig, solange sie bei den Kriegen ihre Feinde besiegten. Bei der grossen Macht, die sie besassen, oder zu besitzen glaubten, hatten sie das auch nicht nötig. Mit der Zerfallsperiode jedoch, die mit den serbischen und griechischen Aufständen in den Balkan-Gebieten begannen, änderte sich dieser Zustand völlig. Die verschiedenen ethnischen Gruppen im Land um das Herrscherhaus vereinen zu können, erfanden der Sultan und die Staatsmänner den Begriff “Osmanen”. So begann man zum ersten Mal im Jahre 1876 die Begriffe “osmanisch” und “Osmanischer Staat” zu verwenden.

Die zunehmenden nationalistischen Strömungen wirkten verheerend auf das Osmanische Reich, das ein Mosaik verschiedenster Völker darstellte. Aufgehetzt durch die europäischen Staaten, rebellierten zunächst die Völker auf dem Balkan. Die gebildeten, westlich orientierten Türken fanden die bisherigen Reformen nicht ausreichend und sahen die Lösung aller Probleme in der Gründung einer konstitutionellen Staatsform.

Im Mai 1876 wurde Sultan Abdülaziz zunächst abgesetzt und anschliessend ermordet, was jedoch als Selbstmord hingestellt wurde. Als sein Nachfolger Sultan Mehmet,V. erfuhr, unter was für schrecklichen Umständen sein Vorgänger (und Onkel) sterben musste, verlor er den Verstand. Daraufhin bestieg Sultan Abdulhamit,II., der die Gründung der konstitutionellen Monarchie versprach, den osmanischen Thron.


Die konstitutionelle Periode


Am 23. Dezember 1876 wurde die konstitutionelle Staatsform verkündigt. Während den ersten anderthalb Jahren seiner Regierung wurde der Sultan von Staatsangelegenheiten ferngehalten. Das Reich wurde vom Grosswesir Mithat Pascha und seinen Mitarbeitern regiert. Am 24 April 1877 begann ein neuer Krieg gegen Russland, der 9 Monate dauerte. Trotz der Siege von Gazi Osman Pascha in Plewen und Gazi Ahmet Muhtar Pascha an der Ostfront hatten die Osmanen den Krieg verloren. Die Russen kamen bis zu Yeşilköy (Ayastefanos), einem Vorort Istanbuls. Sultan Abdulhamit,II. musste Frieden vorschlagen, worauf am 03. März 1878 das “Ayastefanos Abkommen” unterzeichnet wurde. Die Bedingungen dieses Vertrages waren so schwer für die Osmanen, dass sogar die westlichen Staaten ihn nicht anerkannten. Nach einer Konferenz in Berlin, an der auch die europäischen Staaten teilnahmen, wurde am 13 Juli 1878 das “Berliner Abkommen” unterzeichnet. Danach erhielten Serbien, Rumänien und Montenegro ihre Unabhängigkeit. Bulgarien wurde zu einem Fürstentum, das an das Osmanische Reich angeschlossen war. Die Verwaltung von Bosnien und Herzegowina wurde Österreichern überlassen. Die Städte Kars, Ardahan und Batum erhielten die Russen. Dieser Krieg bereitete den Osmanen grosse moralische und materielle Verluste und sehr Schmerz. Millionen von Türken und andere Muslime verliessen alles, was sie hatten und flüchteten nach Istanbul oder nach Anatolien, um nur ihr Leben zu retten. Es gab auch sehr viele, die es nicht schafften.

Darauf löste der Sultan das “Meclis-i Mebusan” genannte Parlament auf, das sich aus Abgeordneten aus verschiedensten ethnischen Gruppen zusammensetzte und in keinem Punkt zu einer Einigung gelangen konnte. Sultan Abdulhamit,II. trug nun die volle Verantwortung.

Nachdem Frankreich im Jahre 1830 Algerien besetzt hatte, wollte es nun Tunesien in sein Besitz bringen, und besetzte nach dem Berliner Abkommen, unter Einverständnis von Deutschland und England, im Jahre1881 auch Tunesien. Die Osmanen haben das nie angenommen und machten es bis zu ihrem Ende zu einem politischen Problem. Zur gleichen Zeit besetzten die Engländer Kairo und machten Ägypten zu ihrer Kolonie (1882).

Durch das Berliner Abkommen erhielt Griechenland Thessalien und beschleunigte seine Aktionen gegen den Osmanischen Staat. Griechenland unterstützte den Gerillakrieg auf Kreta und versetzte seine Streitkräfte auf diese Insel. Gleichzeitig begannen die Griechen mit Grenzüberschreitungen in den Balkan-Gebieten. Daraufhin erklärten die Osmanen den Krieg gegen die Griechen. Nach ihrem Sieg bei der Dömeke Feldschlacht begannen die Osmanen auf Athen zu marschieren. Die westlichen Staaten griffen sofort ein und hielten den Krieg an. Sie ernannten den Sohn des griechischen Königs zum Gouverneur von Kreta und erklärten die Insel zu einem autonomen und neutralen Gebiet des Osmanischen Reichs. Die Osmanischen Streitkräfte sollten Kreta verlassen. Somit war Kreta, die dem Anschein nach noch im osmanischen Besitz war, de facto verloren. Die Insel wurde im Jahre 1908 Griechenland angeschlossen.


Das Problem mit den Armeniern



Zu jener Zeit war es die übliche Politik der grossen Staaten, die ethnischen Gruppen im Osmanischen Reich gegen ihren Staat aufzuwiegeln. Sie beschäftigten sich am meisten mit den Armeniern und versuchten diese aufzuhetzen. Es ist eine historische Tatsache, dass Osmanen und Armenier bis zum Russland – Krieg im Jahre1877-78 keinerlei Probleme miteinander hatten. Als die Russen bei diesem Krieg einige Städte in Ostanatolien besetzten, hetzten sie die dortigen Armenier mit dem Versprechen der Selbstständigkeit gegen die Türken auf. Ein Grosser Teil der Armenier gingen darauf nicht ein, da sie mit den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen in diesem Land zufrieden waren. Sie übten wichtige Berufe aus, waren gefragte Handwerker und erfolgreiche Kaufleute, die sich auch bereichert hatten, und lebten in Ruhe. Trotz ihrer verschiedenen Religionen lebten sie in Frieden und gegenseitigem Verständnis, ja sogar in besonderer Freundschaft mit den Türken zusammen und hatten eine gemeinsame Kultur entwickelt. Dennoch fand die Idee der Separation und des eigenen Staates, die nun ausser Russen auch von Engländern injiziert und propagiert wurde, eine gewisse Anhängerschaft bei den Armeniern. Man liess mehrere armenische Vereine gründen, die heimlich auch bewaffnet wurden. Die wichtigsten dieser Vereine waren “Hınçak” und “Taşnaksutyun”. Es sollte bemerkt werden, dass Armenier nirgendwo in Anatolien jemals die Mehrheit darstellten. Sie lebten seit Jahrhunderten zusammen und gemischt mit den Türken, vor allem in gegenseitigem Verständnis. Nach dem “Kaiserlichen Dekret von Gülhane” (1839) bekamen Armenier höhere Ämter in der Staatsverwaltung. Vor allem nach dem griechischen Aufstand wurden die höheren Stellungen, die sonst Griechen besetzten, nunmehr für Armenier vorgesehen. Armenische Umstürzler, die in verschiedenen europäischen Städten oder auch in den USA ausgebildet wurden, begannen mit ihren Vorbereitungen für die armenische Revolution. Sie zwangen die staatstreuen Armenier mit Gewalt sich ihnen anzuschliessen und scheuten sich nicht die widerstehenden umzubringen. Sie propagierten in Europa, dass die Türken die Armenier massenweise ermordeten. Ihr Plan war es, im Inland einen Aufstand zu entfachen und vor allem den Eingriff der europäischen Staaten zu erzwingen. Ihre meisten Aktionen wurden jedoch rechtzeitig erkannt und verhindert. So wurden die Aufstandsversuche in Van, Bitlis und Erzurum gleich am Anfang unterdrückt und in diesen Regionen wurde für Ordnung und Sicherheit gesorgt. Die aufständischen Armenier gingen jedoch so weit, dass sie in Istanbul das Bab-ı Ali (Hohe Pforte) genannte kaiserliche Regierungsgebäude überfielen, die grösste Bank des Landes “Banque Ottomane” angriffen und die Wache habenden Soldaten an der Tür des Gebäudes ermordeten. Sie legten eine Bombe in die Karosse des Sultan Abdulhamit,II., der in der Palastmoschee das Freitagsgebet verrichtete. Es war sein Glück, dass er sich einige Minuten verspätete und die Bombe im leeren Wagen explodierte. Ähnliche Taten der Armenier dauerten bis zum ersten Weltkrieg. Im Jahr 1915 begannen die von Russen bewaffneten armenischen Militanten die türkische Zivilbevölkerung anzugreifen und übten grauenhafte Massenmorde aus, wodurch die Vorfälle rasch eskalierten. Die Regierung beschloss die armenische Bevölkerung in südlichere Gebiete, in Richtung Syrien umzusiedeln und erliess das berühmte Gesetz “Tehcir Kanunu” (Umsiedlungsgesetz). Während dieses Umzugs unter Zwang kamen sehr viele Armenier durch Seuchen, Kälte, Raubüberfälle und schlechte Reisebedingungen ums Leben. Die europäische Presse, unter Einfluss der armenischen Separatisten, zeigte die Umsiedlung als Völkermord an Armenier. Die Absicht der Umsiedelung war niemals die Vernichtung der armenischen Bevölkerung. Es wurde in erster Linie an die Sicherheit des Staates, aber auch an die der Armenier gedacht. Nach so vielen gegenseitigen Greueltaten wäre es tatsächlich für Armenier zu riskant in den Gegenden dieser Vorfälle weiterzuleben.
Es ist eine historische Tatsache, dass nicht alle Armenier zu dieser Umsiedlung gezwungen wurden und die grosse Mehrheit der Umgesiedelten heil an die jeweiligen Zielorte kamen, wodurch ihr Leben gerettet wurde.

Die Auflösung des Parlaments (1877) durch Abdülhamit,II. führte die Anhänger der konstitutionellen Staatsform dazu, sich zu organisieren, wobei sie von den o.g. “Jungtürken” unterstützt wurden. Im Jahre 1889 wurde das Verein “İttihat ve Terakki Cemiyeti” (Verein für Einheit und Fortschritt) gegründet, und zwar mit vielen Zweigstellen im In- und Ausland. Als die Mitglieder des Vereins aus dem Militär mit einem Aufstand begannen, erklärte Abdülhamit,II. am 23 Juli 1908 zum zweiten Mal das konstitutionelle System.

Während der Regierungszeit des Sultan Abdülhamit,II. legte man viel Wert auf das Erziehungswesen, auf kulturelle Aktivitäten, Bebauung und Verkehr. Die erste Kunstakademie wurde eröffnet sowie Hochschulen für Handel und Landwirtschaft. Die ersten Volks- und Mittelschulen, Fachschulen für Mädchen sowie Sonderschulen für Blinde oder Taubstumme wurden ebenfalls zu dieser Zeit gegründet. Man bemühte sich landesweit um die Erweiterung der Tätigkeiten im Erziehungsbereich. Die Anzahl der ausgebildeten Bevölkerung erreichte einen Höhepunkt in der Geschichte des Landes. Sämtliche Werke, die seit der Gründung des Reichs geschrieben worden waren, wurden neugedruckt. In Istanbul wurde das grosse Armen- und Altenheim “Darülaceze” gegründet. Ein Wasserleitungsnetz brachte den meisten Vierteln Istanbuls das “Hamidiye” genannte Trinkwasser. Das Eisenbahn- und Strassennetz in Anatolien wurde erweitert, wobei die Eisenbahnschienen über Bagdat bis Medina verlängert wurden. In grossen Städten verlegte man sogar Schienen für die Pferdebahn. Architekten aus dem In- und Ausland wurden mit dem Bau wichtiger Gebäuden beauftragt, die zur Verschönerung der Städte beitragen sollten. Abdülhamit,II. löste das Problem der enormen ausländischen Schulden auf diplomatischen Wegen. Er sah nämlich, dass der Staat sich die hohen Kosten irgendeines Krieges nicht leisten konnte. Er erlebte selber, dass sogar der eindeutig gewonnene Krieg gegen die Griechen zum Schluss dem Staat nichts einbrachte. Seine Grundpolitik war die Fernhaltung des Staates von jeglichen Kriegen. Während der 33-jährigen Regierungszeit des Sultan Abdülhamit,II. konnte das Reich trotz einiger Verluste, sein Dasein relativ stabil fortführen. Seine ausgesprochene Unterdückungspolitik im Land liess aber eine sehr grosse Opposition gegen ihn entstehen.

Bei den Wahlen nach der Erklärung der zweiten Konstitution gewannen die Anhänger der Partei “Verein für Einheit und Fortschritt” die Mehrheit im Parlament. In Kürze jedoch begannen die Aufstände der Konservativen gegen die Konstitution. Als diese überhandnahmen, musste die Regierung zurücktreten. Die Partei liess schliesslich die Armee in Saloniki nach Istanbul kommen und eingreifen. Die “Hareket Ordusu” (Armee der Bewegung) genannte Armee marschierte nach Istanbul und unterdrückte den Aufstand in kurzer Zeit. Dieser Aufstand und dessen Unterdrückung, die als “Das Eriegnis des 31.März” in die türkische Geschichte einging, führte zur Absetzung des Sultan Abdulhamit,II. und zur Inthronisierung des Sultan V.Mehmet Reşat. Die Verfassung wurde so geändert, dass die Befugnisse des Sultans reduziert und die Kontrolle sowie das Recht zur Änderung der Regierung dem Parlament übertragen wurden. Der “Verein für Einheit und Fortschritt” verfolgte im Inland eine türkisch-nationalistische und im Ausland eine Deutschland-freundliche Politik.


Untergang des Osmanischen Reichs


Die Deklaration der zweiten Konstitution konnte den Zerfall des Osmanischen Reichs nicht verhindern. Im Gegenteil, sie hat ihn sogar beschleunigt. Das Land stoss danach auf laute grosse Katastrophen. Die Italiener besetzten im Jahre 1911 Tripoli. Im Jahr danach erlebte man die Niederlage des Balkan Krieges. Grosse Länder in Afrika und auf der europäischen Seite wurden verloren. Die Anhänger der Regierungspartei konnten keine Politiken oder Lösungen entwickeln, die den Staat aus der äusserst kritischen Lage und vor den gefährlichen Bedingungen retten könnten. Ihre verkehrte und abenteuerliche Politik führte das Land ins grosse Unglück. Zum Schluss führten sie das uralte, krachende Schiff des Staates in den Sog des Ersten Weltkrieges, den es nie wieder verlassen konnte.

Der Osmanische Staat wurde im Jahre 1914 vor eine vollendete Tatsache gestellt und an der Seite der Deutschen gegen Engländer, Franzosen und Russen in den I. Weltkrieg eingezogen. Die Türken kämpften 4 Jahre lang an sieben Fronten und verloren Hunderttausende ihrer Söhne. Allein bei den Kriegen auf den Dardanellen fielen über 250.000 türkische Soldaten. Sehr viele von ihnen waren studierte oder sonst gut ausgebildete junge Leute, die die Zukunft des Landes bilden sollten. Die türkischen Streitkräfte vollbrachten mancherorts wahre Heldentaten und errungen Siege wie auf den Dardanellen und an der irakischen Front. Auch an weiteren Fronten wurden neben erlittenen Niederlagen auch Siege verzeichnet. Als Deutschland den Friedensvorschlag machte und das Bündnis auflöste, musste das Osmanische Reich ebenso um Frieden bitten. Die Regierung unterzeichnete am 18.Oktober 1918 den Waffenstillstand von Mudros, der die Übergabe des Landes an den Feind bedeutete, und die Führer der Partei verliessen das Land heimlich eines Mitternachts.

Sultan Mehmet Reşat verstarb während der letzten Tage des I.Weltkrieges. Sein Nachfolger (1918) Sultan Vahidettin erbte ein Land, in dem die Siegermächte, den Paragraphen des Waffenstillstands entsprechend, jeden Tag einen anderen Teil besetzten, oder ihren Verbündeten Griechenland für sie besetzen liessen. Er war nur der scheinbare Herrscher. Am 13. November 1918 ging eine grosse Flotte der Entente an Istanbul vor Anker. Die Soldaten der Entente besetzten die Stadt und übernahmen die Kontrolle der osmanischen Regierung. Der “Osmanische Staat” ging in der Tat zu Ende; es erfolgte nun dessen Liquidation. Verschiedene Gebiete Anatoliens wurden besetzt. Am 15.Mai 1919 haben die Westmächte den Griechen Izmir besetzen lassen.


Der Befreiungskrieg


Nun begann man mit Gewalt und List die Streitkräfte des Vaterlandes aufzulösen, seine Verteidigungsmechanismen zu zerstören, seine Festungen einzunehmen, seine Werfte zu besetzen und ihn unter den Siegermächten zu verteilen. Zerstört und erschöpft litt das Land unter Armut und Not. Schlimmer war aber, dass ein Teil der Führungskräfte in völliger Ignoranz und Verwirrung handelten, ja sogar ihr Land verrieten.

Die Existenz und Freiheit des Türkischen Volkes, das seit vielen Jahrhunderten stets unabhängig und frei gelebt hatte, waren nun unter grosser Gefahr. Die Reaktion des Volkes war ausserordentlich heftig. Überall in Anatolien wurden Meetings, Proteste und Konferenzen veranstaltet. Mit der berühmten Parole “Unabhängigkeit oder Tod!” verkündigte das Volk dem Freund und Feind, dass es auf seine Freiheit nie verzichten würde, auch wenn es dafür sterben müsste.

Da es keinen Staat mehr gab, war die Rettung der Unabhängigkeit des Volkes nur von seiner eigenen Willenskraft abhängig. Dafür aber war ein Führer, ein richtiger Staatsmann erforderlich. Das Volk, das in grösster Not stets sich zu helfen wusste, fand auch unter diesen schlimmsten Bedingungen den Mann unter den eigenen Leuten, der es führen würde: Mustafa Kemal Pascha, der diese Führung übernahm, verliess Istanbul mit einem Schiff und landete in Samsun, d.h. auf anatolischem Boden am 19.Mai 1919, also wenige Tage nach der Besetzung Izmirs.

Am 10. August 1920 hatte man den Friedensvertrag von Sévres unterzeichnet. Nach diesem Vertrag überliess man die Führung des Osmanischen Staates anderen Mächten, verteilte seine Länder unter den Siegerstaaten und erkannte den Türken praktisch kein Lebensrecht, während die früheren Minderheiten fast alle Rechte erhielten. Dieser Vertrag fegte den 600-jährigen türkischen Staat einfach aus der Geschichte weg. Damit der Vertrag in Gang treten konnte, musste er jedoch zunächst in einer türkischen Nationalversammlung bestätigt werden.

Die Türkische Nationalversammlung, die am 23. April 1923 unter der Leitung von Mustafa Kemal Pascha in Ankara eröffnet wurde, reagierte auf den Vertrag von Sévres auf heftigste Weise. Die Versammlung erkärte einstimmig, dass sie diesen Vertrag nicht anerkennen werde. Diejenigen, die diesen Vertrag unterzeichnet hatten, wurden zu Landesverrätern erklärt. Somit begann das türkische Volk unter der Führung Mustafa Kemal Paschas mit aller und letzter Kraft um seine Existenz zu kämpfen. Der sagenhafte “Nationale Befreiungskrieg” unter der Leitung von Mustafa Kemal ATATÜRK und unter der Aufsicht der Türkischen Grossen Nationalversammlung war ein unglaublicher Erfolg. Die Besatzungsmächte wurden aus Anatolien fortgejagt. Wie Atatürk zu Beginn der Besatzung prophezeit hatte, “Sie sind gegangen, wie sie gekommen waren..” Durch diesen, unter schwierigsten Bedingungen gewonnenen Krieg, haben die Türken das in Kraft treten des Vertrages von Sévres verhindert, der sie zu vernichten vorhatte. Am 23.Juli 1923 wurde stattdessen der Friedensvertrag von Lausanne unterzeichnet.

Aus den Aschen des Osmanischen Reiches war die Türkische Republik geboren (29.Oktober 1923), die ein demokratischer, laizistischer und sozialer Rechtsstaat war. Die Türkische Grosse Nationalversammlung wählte den Führer des nationalen Befreiungskrieges, Gazi Mustafa Kemal ATATÜRK, zu dem ersten Präsidenten der neuen Republik.


Abschliessende Bemerkungen


Das Osmanische Reich brachte in die Länder, die erobert wurden Gerechtigkeit, Gleichheit, Ruhe, Frieden und Wohlstand, wobei ihm die Religion der Bevölkerung in dem betreffenden Land gleichgültig war. Dennoch wird das wahre Wesen dieses Staates oft nicht richtig verstanden. Manche gehen sogar so weit, dass sie dieses Reich als eine Quelle jeglichen Unheils in der Geschichte betrachten, womit sie ihm sicherlich Unrecht tun. Der Untergang des Osmanischen Reichs deutete auch darauf hin, dass die Zeit der Imperien nunmehr zu Ende war. Es ist eine Tatsache, dass fast in allen weiten Ländern und Gebieten des früheren Reichs bis heute noch keine Ruhe, kein Frieden und keine Stabilität eingetreten sind. Die Erinnerung an die osmanische Zeit ist in diesen Länder gleichzeitig die Erinnerung an Ruhe und Frieden.

Das Osmanische Reich hat es geschafft als ein Staat mit verschiedenen Sprachen, Kulturen und Religionen seine Existenz auf drei Kontinenten über sechs Jahrhunderte lang zu wahren. Dazu gehörte auch fast die Hälfte von Europa. Die Führung des Staates respektierte stets die Rechte und Feiheiten des einzelnen Bürgers und machte dabei keine Unterschiede wegen dessen Religion, Rasse und Sprache. Manche dieser Völker, die in der Geschichte verlorengegangen wären, verdanken ihre heutige Existenz dem Schutz der osmanischen Herrschaft.

Das Osmanische Reich wird grundsätzlich als ein islamischer Staat eingestuft, obwohl die Bevölkerung ausser Christen und Juden, auch aus Angehörigen weiterer Religionen, Orden, Sekten und Glauben bestand. Solange der Bürger dem Staat treu war, spielte sein Glauben keine Rolle. Das war, vor allem für jene Jahrhunderte, eine sehr bemerkenswerte Freiheit. Nach dem Verschwinden der Osmanen entstanden auf deren früheren Hoheitsgebieten in kürzester Zeit an die dreissig einzelne Nationalstaaten mit eigener Sprache und Kultur. Einige weitere werden z.Zt. gegründet. Man kann aber leider nicht behaupten, dass in diesen Gebieten, in erster Linie auf dem Balkan und in den Mittleren Osten, wo die Völker unter osmanischer Herrschaft immerhin einige Jahrhunderte ohne grosse Probleme lebten, etwa Ruhe eingetreten ist.

Der osmanische Staat war im Grunde eine Synthese der türkischen, islamischen aber auch der römischen Sitten. Die Staatsangelegenheiten wurden, ohne Verletzung der islamischen Grundsätze, jedoch auf raffinierte Weise unabhängig von der Religion erledigt. Man hatte ein äusserst elastisches System aufgebaut, in dem das islamische Recht mit dem herkömmlichen, traditionellen Zivilrecht kombiniert war.

Die Osmanen hielten einen Kolonialismus im westlichen Sinne unter ihrer Würde. Jedes eroberte Land war ihr Land und was das Land aufrecht hielt, war die Gerechtigkeit. Die osmanischen Soldaten verteidigten sogar am Anfang des XX.Jahrhunderts Gebiete auf dem Balkan, in Lybien, Jemen oder Kaukasus, die sie für “ihr Land” hielten. So konnten einige Kommandanten ihren Soldaten die Tatsache nicht erklären, dass sie im Jahre 1918, dem Waffenstillstand von Mudros entsprechend, manche Gebiete verlassen mussten.

Allerdings spürten die Osmanen, trotz mancher glanzvollen Siege, bereits in der Mitte des XVII.Jh, dass einiges nicht mehr in Ordnung war. Sie erklärten jegliche Unstimmigkeiten mit ihrem Verlassen der früheren Ordnung und Prinzipien. Sie dachten, sie würden sämtliche Probleme lösen, wenn sie nur alles wieder so regeln würden wie zu Kanuni’s Zeiten. Später haben sie sich den Westen als Modell vorgenommen und mit Erneuerungen und Reformen begonnen. Weder die Abschaffung der Janitscharenorganisation, noch die Gründung moderner Armeen, noch die weiteren Reformen auf politischen, sozialen, militärischen und wirtschaftlichen Ebenen erbrachte die angestrebte Wende. Auch wenn sie glaubten, dass ihr Reich auf ewig bestehen würde, hatte das Reich sein Leben gelebt und verschwand aus der Geschichte. Aber auch die 200 Jahre lange Zerfallsperiode dieses Reichs zeigt eine gewisse Eigenart. Wie ein Historiker sagte: “Der Untergang der Osmanen stellt möglicherweise eine erfolgreichere Operation dar, als ihr Aufstieg. Ihre Wiederstandskraft grenzte an Wunder.” Dieser Wiederstand zu einer Zeit, wo Europa die Welt beherrschte, setzt alle Historiker ins Staunen. Schliesslich wurde kein politisches System in der Geschichte so sehr bedroht, wie das der Osmanen. Wenn die schnelle technische Entwicklung in der westlichen Welt nicht stattfände, wäre das Ende des Osmanischen Staates nicht abzusehen.

Der Osmanische Staat war ein multinationales, politisches System. Zwar bestand die führende Schicht aus Türken und aus durch Knabenaushebung “türkisierten” Leuten, worauf jedoch nicht geachtet wurde. So sagte Atatürk, der Gründer der Türkischen Republik, während eines Gesprächs mit Jugendlichen: “Was wir waren, besser gesagt, dass wir ein anderes Volk waren als sie, merkten wir, als wir infolge der nationalistischen Strömungen mit Stöcken aus ihnen fortgejagt wurden.”

Wie man sieht, das “türkische” Bewusstsein entstand erst bei der Gründung der Türkischen Republik. Deshalb kann man das Osmanische Reich nicht richtig verstehen, wenn man es mit den Augen des Nationalismus’ betrachtet, der ein Produkt des XIX.Jahrhunderts ist.